Fast 1.300 Tote nach schwerem Erdbeben in Haiti

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Inmitten der Rettungseinsätze in Haiti nach dem verheerenden Erdbeben vom Samstag mit fast 1.300 Toten hat sich ein Tropensturm dem Karibikstaat genähert. Das Tiefdruckgebiet „Grace“ zog laut US-Hurrikanzentrum mit anhaltenden Windgeschwindigkeiten von bis zu 55 Kilometern pro Stunde südlich an der Insel Hispaniola entlang - die sich Haiti mit der Dominikanischen Republik teilt. Ab Montagabend (Ortszeit) wurde das Zentrum des Sturms an Haitis Südküste erwartet.

Dort kamen nach den jüngsten Angaben des haitianischen Zivilschutzes bei dem Beben mindestens 1.297 Menschen ums Leben. Es wurde erwartet, dass die Zahl noch steigt. Der Regen könnte nicht nur die Rettungsarbeiten behindern, sondern noch mehr Leid bei den Überlebenden verursachen. Viele von ihnen verbrachten die Nächte seit dem Beben im Freien vor ihren beschädigten Häusern, mit Decken und den wenigen Möbeln, die sie retten konnten. Das betroffene Gebiet im Süden und Südwesten Haitis um die Städte Les Cayes und Jérémie war mit Trümmern übersät; überall waren auf Bildern Häuser zu sehen, deren Dächer wie Pappe eingestürzt waren. Bewohner warteten auf Hilfe oder wanderten unter Schock ziellos umher.

Die Opferzahlen müssten wohl noch nach oben korrigiert werden, es gebe vorerst keine abschließende Beurteilung der Lage, hieß es auch vom Österreichischen Roten Kreuz. Am Montag sollten die ersten Rotkreuzteams aus umliegenden Ländern eintreffen. „Die Hilfsteams des Roten Kreuzes versorgen die Menschen derzeit mit Nahrung, Trinkwasser und leisten Erste Hilfe“, schilderte ÖRK-Generalsekretär Michael Opriesnig. „Im zweiten Schritt wird es um Notunterkünfte und psychosoziale Unterstützung gehen.“

Das Beben hatte sich Samstagfrüh (Ortszeit) rund zwölf Kilometer von der Gemeinde Saint-Louis-du-Sud entfernt in einer Tiefe von rund zehn Kilometern ereignet. Mindestens 13.700 Häuser wurden nach Angaben der Zivilschutzbehörde zerstört und ebenso viele beschädigt. Mehr als 30.000 Familien seien betroffen. „Grace“ drohe, die Situation in Gebieten zu verschlimmern, die bereits in großen Schwierigkeiten seien, hieß es von der Behörde. Sie rief die Bevölkerung auf, sich vorzubereiten. Für die vielen Menschen, die alles verloren hatten, gab es allerdings wenig, was sie machen konnten, um sich zu wappnen. Das US-Hurrikanzentrum warnte vor Überschwemmungen und Erdrutschen.

Hilfe aus dem Ausland lief inzwischen an. Ein Such- und Rettungsteam der US-Behörde für Entwicklungszusammenarbeit (USAID) mit 65 Menschen, vier Hunden und rund 24.000 Kilogramm Ausrüstung erreichte den Karibikstaat in der Nacht auf Montag. Es wurde nach Menschen in den Trümmern gesucht, die medizinische Versorgung der verletzten Überlebenden wurde organisiert, Straßen nach Erdrutschen mit Baggern wieder passierbar gemacht.

Nach Angaben von Caritas International werden vor allem Nahrung, Trinkwasser, Zelte und medizinische Erstversorgung benötigt. Die Lage an Ort und Stelle sei weiterhin chaotisch, das Ausmaß der Katastrophe noch nicht absehbar, teilte die Organisation am Montag mit.

Das neue Desaster erwischte ein Land, das auch nach dem verheerenden Erdbeben von 2010 mit mehr als 220.000 Toten denkbar schlecht auf ein solches Ereignis vorbereitet war. Das nunmehrige Beben war sogar noch stärker als jenes vor elf Jahren. Es gebe kaum Möglichkeiten zur medizinischen Versorgung der Verletzten, teilte Barbara Küpper mit, Länderreferentin für Haiti bei der Organisation Misereor. Die Situation in den Krankenhäusern und Gesundheitsstationen sei „aufgrund der katastrophalen sozialen und politischen Lage bereits vor dem Erdbeben völlig unzureichend“ gewesen.

Von dem vielen Geld, das nach dem Beben von 2010 für den Wiederaufbau aus dem Ausland zugesagt worden war, sahen durchschnittliche Haitianer nur wenig. Ein großer Teil ging durch Verschwendung und Korruption drauf. Wegen fehlender Mittel und Korruption wurden neue Häuser nicht unbedingt erdbebensicher gebaut.

Das ohnehin schwer unterfinanzierte Gesundheitssystem ist durch die Pandemie - bei der die Infektions- und Totenzahlen zuletzt stark anstiegen - überstrapaziert. Hinzu kommt eine tiefe politische Krise nach der Ermordung des Staatspräsidenten Jovenel Moïse durch eine Kommandotruppe in seiner Residenz am 7. Juli. Gewalt durch brutale Banden, die um Kontrolle über Gebiete kämpfen, hat laut UNO Tausende Menschen - vor allem in der Hauptstadt Port-au-Prince - in die Flucht getrieben und wegen Straßenblockaden zu Versorgungsengpässen geführt. Letzteres könnte auch Hilfseinsätze nach dem Beben erschweren.

Krankenhäuser waren völlig überlastet. Im Innenhof eines Krankenhauses in Jérémie warteten Verletzte in Zelten auf ihre Behandlung, wie in einem Video in sozialen Netzwerken zu sehen war. Nach dem Erdstoß von 2010 - der mit 7,0 leicht schwächer ausfiel als das neue Beben, dessen Zentrum allerdings näher an der dicht besiedelten Hauptstadt lag - waren aus manchen zunächst temporären Zeltstädten angesichts fehlender Mittel für den Wiederaufbau permanente Siedlungen geworden.

Haiti - der ärmste Staat des amerikanischen Kontinents - hat sich bis heute nicht von den Folgen des damaligen Bebens erholt. Noch tiefer in die Krise rutschte das Land dann seit dem vergangenen Jahr durch die Corona-Pandemie, die Zunahme der Bandenkriminalität und den Mordanschlag auf Präsident Moïse.

(S E R V I C E - Spendenkonten -

Rotes Kreuz: Spendenzweck: Erdbeben Haiti, Erste Bank IBAN: AT57 2011 1400 1440 0144 BIC: GIBAATWWXXX;

Caritas: Erste Bank BIC: GIBAATWWXXX IBAN: AT23 2011 1000 0123 4560 Kennwort: Erdbeben Haiti

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