Taliban lassen afghanische Regierungsmitarbeiter unbehelligt

  • Artikel
  • Diskussion

Die radikal-islamischen Taliban haben eine Generalamnestie für alle afghanischen Regierungsmitarbeiter verkündet. Die Islamisten forderten die Beamten am Dienstag auf, an ihrem Arbeitsplatz zurückzukehren. „Sie sollten mit vollem Vertrauen in Ihren Alltag zurückkehren“, hieß es in einer Erklärung der Islamisten. Die Taliban hatten am Sonntag Kabul erobert und damit die Macht im ganzen Land übernommen. Präsident Ashraf Ghani war wenige Stunden zuvor ins Ausland geflohen.

Die Rückkehr der Taliban an die Macht sorgte international für Entsetzen und weckte große Besorgnis unter anderem um die Frauen in dem Land. Die Taliban wollen eine sehr strikte Auslegung des islamischen Rechts durchsetzen. Deutschland, die USA und andere westliche Staaten arbeiten mit Hochdruck daran, ihre Staatsbürger und afghanische Mitarbeiter, an denen Racheaktionen der Taliban befürchtet werden, aus Kabul auszufliegen. Es ist allerdings unklar, ob die zu Evakuierenden ohne Probleme auf das Flughafengelände gelangen können.

Die Start- und Landebahn des Flughafens Kabul in Afghanistan ist nach Angaben eines NATO-Vertreters wieder geöffnet. Der zivile Repräsentant der NATO in Afghanistan, Stefano Pontecorvo, schrieb am Dienstag auf Twitter, er sehe Flugzeuge landen und abheben. Zuletzt war der Flugverkehr eingestellt, da sich Menschentrauben auf dem Flugfeld aufhielten. Viele Afghanen versuchen, nach der faktischen Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban das Land zu verlassen.

Die deutsche Bundeswehr hat unterdessen mit ihrem ersten Evakuierungsflug nur eine kleine Gruppe von Menschen aus Kabul ausfliegen können. „Wir haben eine sehr unübersichtliche, gefährliche, komplexe Situation am Flughafen, vor allem durch die Menschenmengen“, sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) am Dienstag im ARD-“Morgenmagazin“.

„Wir haben es gestern geschafft, in einer wirklich halsbrecherischen Landung unsere Maschine zu Boden zu bringen“, fügte die Ministerin hinzu. Es sei in erster Linie darum gegangen, Soldaten zur Absicherung der Evakuierungsflüge nach Kabul zu bringen.

„Wir hatten nur ganz wenig Zeit und deswegen haben wir nur die mitgenommen, die jetzt wirklich auch vor Ort waren. Und die konnten gestern wegen der chaotischen Situation noch nicht in einer größeren Zahl am Flughafen sein“, sagte Kramp-Karrenbauer. Der CDU-Außenexperte Johann Wadephul bestätigte im Deutschlandfunk eine Meldung der „Bild“-Zeitung, wonach mit dem ersten Flug nur sieben Menschen aus Kabul rausgeholt worden seien.

Eine zweite Transportmaschine warte derzeit auf die Freigabe der USA, um Richtung Kabul zu starten und weitere Menschen in Sicherheit zu bringen, sagte Kramp-Karrenbauer. Zur Absicherung der Flüge seien insgesamt bis 600 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr vorgesehen.

Indien flog unterdessen seinen Botschafter und sein indisches Personal aus Afghanistan aus. Ein Sprecher des indischen Außenministeriums teilte am Dienstag auf Twitter mit, die mehr als 120 Menschen würden mit einem Flieger der Luftwaffe nach Indien gebracht, berichtete der indische Fernsehsender NDTV. Außenminister Subrahmanyam Jaishankar schrieb, dass der Flughafenbetrieb in Kabul die größte Herausforderung sei.

Der US-Sender CNN berichtete indes, Taliban-Kämpfer hätten in Humvees vor dem Flughafen Stellung bezogen und würden versuchen, die Menschenmassen rund um den Flughafen zu kontrollieren. Auf von CNN gezeigten Videos war zu sehen, wie Menschen versuchen, durch Tore oder über mehr als drei Meter hohe Sprengschutzmauern auf den Flughafen zu gelangen. Es gibt unbestätigte Berichte, dass die Taliban sie zurückdrängen. Ortskräfte haben Angst, am Weg zum oder vor dem Flughafen von den Taliban kontrolliert zu werden. Sie sagen sie müssten Dokumente mitführen, die eine Berechtigung zur Evakuierung belegten.

Unterdessen floh auch der Chef der afghanischen Zentralbank aus Kabul. „Es hätte nicht so enden müssen. Ich bin empört über das Fehlen jeglicher Planung seitens der afghanischen Führung“, twittert Ajmal Ahmady. Durch den Vormarsch der Taliban war der afghanische Devisenmarkt zuletzt in Turbulenzen geraten, vor allem, nachdem die Zentralbank am Freitag erklärte, sie werde keine weiteren Dollar mehr erhalten.

Der UNO-Sicherheitsrat in New York rief nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan zu einem sofortigen Ende der Gewalt auf. Zugleich sollten Verhandlungen über die Bildung einer neuen, gemeinschaftlichen und repräsentativen Regierung beginnen, der auch Frauen gleichberechtigt angehören, hieß es in einer Erklärung vom Montag (Ortszeit). Der Schutz aller Afghanen und internationalen Bürger müsse gewährleistet sein. Weder die Taliban noch andere Gruppen sollten afghanischen Boden nutzen, um andere Länder zu bedrohen oder anzugreifen.

Afghanistans UNO-Botschafter Ghulam Isaczai hatte während der Sitzung dazu aufgerufen, einen humanitären Korridor für die Evakuierung derjenigen zu schaffen, die Ziel von Angriffen und Vergeltung der Taliban werden könnten. Zugleich sollten die Nachbarländer ihre Grenzen für Flüchtlinge sowie die Lieferung von humanitären Hilfsgütern öffnen.

Europa muss laut EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni einen Korridor für die Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan schaffen. „Ich denke, dass Europa sich unweigerlich für humanitäre Korridore und eine organisierte Aufnahme rüsten muss“, sagte er der Zeitung „Il Messaggero“. „Zumindest sollten die Länder, die dazu bereit sind, dies tun.“ Das sei auch notwendig, um einen Zustrom von illegalen Einwanderern zu verhindern. Die EU-Außenminister kommen im Tagesverlauf zu einer Krisensitzung zusammen, um Afghanistan zu beraten.


Kommentieren


Schlagworte