Taliban übernehmen wichtigste Behörden in Afghanistan

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Die militant-islamistischen Taliban übernehmen in Afghanistan immer mehr Behörden und Ministerien. Regierungsangestellte seien ihrem Aufruf gefolgt, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, sagte ein Beamter eines Ministeriums am Dienstag. Es seien viele seiner Kollegen zur Arbeit gekommen, aber keine Frauen. Westliche Staaten arbeiten unterdessen mit Hochdruck daran, ihre Staatsbürger und afghanische Mitarbeiter aus Kabul auszufliegen. Österreich schickt ein Krisenteam zur Hilfe.

Lokale Medien veröffentlichten Fotos, auf denen zu sehen war, dass auch Verkehrspolizisten wieder zu ihrer Arbeit zurückkehrten. Bewohner der Stadt sagten, es würden wieder vermehrt Geschäfte geöffnet haben und Menschen auf der Straße sein.

Überrascht zeigten sich Bewohner der Stadt darüber, dass der populäre Fernsehsender ToloNews am Dienstag seine bekannte Moderatorin durch das Programm führen ließ, die auch einen Taliban-Vertreter interviewte. ToloNews schickte auch eine Reporterin durch Kabul, um live über die Situation in der Stadt zu berichten.

Einem Taliban-Sprecher zufolge bekennt sich das islamische Emirat zu den Rechten von Frauen innerhalb der Scharia, dem islamischen Recht. Da die afghanischen Frauen Muslimas seien, würden sie auch froh sein, innerhalb des Rahmens der Scharia zu leben, sagte Sabihullah Mujahid bei einer Pressekonferenz am Dienstag. Die Frauen in Afghanistan hätten das Recht, unter anderem an Bildung und der Gesundheitsversorgung teilzuhaben.

Die Taliban hatten am Dienstag die afghanischen Regierungsbeamten - auch Frauen - aufgefordert, an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. „Sie sollten mit vollem Vertrauen in Ihren Alltag zurückkehren“, hieß es in einer Erklärung. Der Vizechef der Taliban wies seine Kämpfer an, keine Privathäuser in Kabul zu betreten.

Allerdings gab es in den vergangenen Tagen Berichte über Sicherheitszwischenfälle in der Stadt. Taliban-Kämpfer sollen sich Zutritt zu Wohnhäusern verschafft und Autos mitgenommen haben. Gleichzeitig sagten mehrere Bewohner Kabuls auch, dass einfache Kriminelle die Ankunft der Taliban ausnutzten und wohl vorgäben, Taliban zu sein.

Chaos herrschte weiter rund um den Flughafen der Stadt. Die Start- und Landebahn konnte am Dienstag zwar wieder geöffnet werden, dennoch versuchten weiterhin Hunderte Menschen, auf das Gelände zu kommen. Die Taliban würden diese mit einer Peitsche schlagen und auch in die Luft schießen, um sie auseinanderzutreiben, berichtete ein Augenzeuge. Dennoch würden es die Menschen weiter versuchen. Von der anderen Seite der Flughaufenmauer sei Tränengas in die Menge gefeuert worden.

Außenminister Alexander Schallenberg kündigte unterdessen, an ein Krisenteam nach Afghanistan zu schicken, um jenen Österreichern, die sich noch dort befinden, bei der Ausreise zu helfen. Rund 25 Österreicher und rund 20 Afghanen mit gültigem Aufenthaltstitel in Österreich hätten sich in den vergangenen 72 Stunden gemeldet und um Hilfe bei der Ausreise gebeten. Österreich schicke keinen eigenen Flieger, weil das Problem derzeit nicht die Flugkapazität sei, sondern zum Flughafen zu kommen, sagte Schallenberg.

Zum Umgang mit den neuen Machthabern in Afghanistan forderte Schallenberg vor einem Online-Treffen der EU-Außenminister am späten Nachmittag eine „klare gemeinsame Linie“ der EU-Staaten. Afghanistan dürfe nicht „zu einem sicherheitspolitischen schwarzen Loch“ und „einem Inkubator des internationalen Terrorismus“ werden. Daher müsse es klare Forderungen gegenüber den Taliban geben, um eine Zusammenarbeit mit den Taliban überhaupt in Betracht zu ziehen.

Russland sieht unterdessen nach der Machtübernahme durch die Taliban in Afghanistan positive Signale seitens der neuen Führung. „Das, was die Taliban in Kabul erklären und wie sie in der Praxis ihre Bereitschaft zeigen, die Meinung anderer zu achten, das, denke ich, ist ein positives Signal“, sagte Außenminister Sergej Lawrow am Dienstag in Kaliningrad der Agentur Interfax zufolge.

Russland unterstütze einen Dialog mit allen politischen, ethnischen und konfessionellen Kräften in Afghanistan. Zugleich machte Lawrow deutlich, dass Russland Moskau nicht mit Terroristen verhandeln werde. Der russische Chefdiplomat bekräftigte die Linie Moskaus, die neue Führung in Kabul vorerst nicht anzuerkennen.

Großbritannien forderte pragmatische Beziehungen zu den neuen Machthabern in Afghanistan. Zur Einschätzung eines Reporters des Senders Sky, die Taliban seien ein Haufen von Schlägern, sagt Außenminister Dominic Raab: „Ich werde dieser Ansicht nicht widersprechen, aber sie sind jetzt an der Macht, und wir müssen uns jetzt mit dieser Realität auseinandersetzen.“ Es gehe darum, einen positiven Einfluss auf das „neue Regime“ auszuüben

Westliche Staaten arbeiten unterdessen weiter mit Hochdruck daran, ihre Staatsbürger und afghanische Mitarbeiter, an denen Racheaktionen der Taliban befürchtet werden, aus Kabul auszufliegen. Die USA rechnen damit, pro Tag 5.000 bis 9.000 Menschen aus Kabul ausfliegen zu können. Das sagte der Sprecher des Verteidigungsministeriums, John Kirby, dem Sender CNN. Seinen Angaben nach sichern rund 3.500 US-Soldaten den Kabuler Flughafen. Die Bundeswehr hat nach Angaben des deutschen Verteidigungsministeriums 125 Menschen ausgeflogen. Belgien will neben belgischen Staatsangehörigen, Dolmetschern und afghanischen Familienangehörige von Belgiern auch speziell Frauenrechtlerinnen aus Afghanistan ausfliegen, schrieb der Staatssekretär für Asyl und Migration, Sammy Mahdi, am Dienstag auf Twitter.

Übersetzer und andere frühere Mitarbeiter ausländischer Staaten sind nach Angaben des Taliban-Sprechers vom Dienstag begnadigt. Es werde keine Rache an ihnen geben, sagt Mujahid bei der ersten Pressekonferenz nach ihrer Machtübernahme in Kabul.

Die NATO wird indes nach Angaben von Generalsekretär Jens Stoltenberg Lehren aus den jüngsten Ereignissen in Afghanistan ziehen müssen. Die Frage sei, warum die afghanischen Streitkräfte, die man über so viele Jahre hinweg ausgebildet, ausgerüstet und unterstützt habe, nicht in der Lage gewesen seien, den Taliban stärker Widerstand zu leisten, sagte er am Dienstag in Brüssel. Man sei sich bei der Abzugsentscheidung bewusst gewesen, dass es das Risiko einer Machtübernahme durch die Taliban gebe. Die Geschwindigkeit sei aber eine Überraschung gewesen. Er bestätigte außerdem, dass es in Afghanistan keine Truppen mehr unter NATO-Kommando gibt.


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