USA und andere Staaten forcieren Evakuierung aus Afghanistan

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Die USA verstärken ihre Bemühungen zur Evakuierung von US-Amerikanern, Afghanen und Menschen anderer Nationalitäten aus Kabul. Auch andere Länder setzen ihre Evakuierungsflüge fort: In der Nacht auf Freitag brachten deutsche Bundeswehr-Maschinen erneut Hunderte Menschen aus der afghanischen Hauptstadt heraus. Nach Angaben des US-Außenministeriums warten am Flughafen Kabul rund 6.000 Menschen, die alle Voraussetzungen für die Ausreise erfüllen.

Aus Washington hieß es, das US-Außenministerium schicke zusätzliche Konsularbeamte nach Katar und Kuwait, um dort die Weiterreise der Menschen zu organisieren. Außerdem seien weitere Beamte in Kabul gelandet, wo rund um den Flughafen weiter Chaos herrscht. Das Ziel sei es, so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich aus dem Land zu bringen.

Mitarbeiter des US-Verteidigungsministeriums seien in engem Kontakt mit den militant-islamistischen Taliban außerhalb des Flughafens, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby. „Wir wollen nicht, dass jemand belästigt oder verletzt wird.“ Kirby betonte, dass man keinen kompletten Überblick darüber habe, was außerhalb des Flughafens passiere und ob auch Menschen mit US-Pässen oder Visa von den Taliban schikaniert würden. Man habe am Flughafen zusätzliche Gates geöffnet, um die Evakuierung zu beschleunigen. Die NATO will unterdessen ihre Bemühungen bei den Evakuierungen aus Afghanistan verdoppeln.

Auch Großbritannien will den Zeitplan für den Abzug beschleunigen. Der letzte britische Evakuierungsflug soll nach Plänen der britischen Regierung Kabul schon in fünf Tagen verlassen, wie die Zeitung „The Times“ berichtete. Laut der Zeitung soll den Ministern Anfang der Woche mitgeteilt worden sein, dass der letzte Evakuierungsflug am Dienstag vor dem geplanten Abzug der amerikanischen Streitkräfte am 31. August starten müsse.

Die in Spanien gelegene Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge aus Afghanistan soll für 1.000 Menschen ausgelegt werden. Das sagt Spaniens Außenminister Jose Manuel Albares im staatlichen Rundfunk. Von dort würden die aufgenommenen Afghanen und ihre Familienmitglieder in weitere EU-Länder verteilt.

Unterdessen wurden neue Vorwürfe laut, die US-Regierung habe nicht rechtzeitig auf Warnungen gehört. CNN berichtete, im Juli hätten US-Diplomaten ein geheimes Schreiben an US-Außenminister Blinken geschickt und darin schnelles Handeln gefordert. „Soweit ich weiß, wurde in dem Telegramm der mögliche Sturz der afghanischen Regierung nach dem Abzug der US-Truppen am 31. August vorausgesagt“, sagte der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater Jonathan Finer dazu. „Ich denke, das Telegramm spiegelt wider, was wir schon die ganze Zeit gesagt haben.“ Niemand habe erwartet, dass die afghanische Regierung und Armee binnen weniger Tage kollabieren würden.

Nach Ansicht des Chefs der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, trägt der ehemalige US-Präsident Donald Trump eine große Mitschuld an der Lage in Afghanistan. „Der Sündenfall, der passierte ja lange vor dem Dienstantritt von (US-Präsident) Joe Biden“, sagte er am Freitag im Deutschlandfunk. „Der Sündenfall war das Abkommen, das unter Donald Trump mit den Taliban geschlossen wurde.“ Die militanten Islamisten hätten dann nur noch auf den Abzug der US-Truppen warten müssen.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) kritisierte unterdessen laut Reuters die Arbeit des Bundesnachrichtendienstes (BND). „Der BND hat offensichtlich eine falsche Lageeinschätzung vorgenommen, so wie andere Dienste auch“, sagt Maas dem „Spiegel“ einem Vorabbericht zufolge. Die Entscheidungen, die aufgrund fehlerhafter Berichte getroffen worden seien, seien nach bestem Wissen und besten Gewissen gefallen, im Ergebnis aber falsch gewesen. Die Dienste hätten falsche Einschätzungen voneinander übernommen. Das könne nicht ohne Konsequenzen für die Arbeitsweise der deutschen Nachrichtendienste bleiben.

Während das US-Militär mit Stand Donnerstagfrüh 2.000 Menschen innerhalb von 24 Stunden evakuiert hatte, hat die deutsche Bundeswehr seit Montag mehr als 1.600 Menschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht. Freitagfrüh landeten zwei weitere Maschinen aus Kabul mit insgesamt über 360 Menschen in der usbekischen Hauptstadt Taschkent, von wo aus sie mit zivilen Flugzeugen weiter nach Deutschland gebracht werden.

Auf den deutschen Evakuierungsflüge sollen nach Angaben des Außenministerium auch die Österreicher, die sich noch in Afghanistan befinden, untergebracht werden. Am Donnerstag gelang es, zwei Personen außer Landes zu bringen. 50 weitere Österreicher mit afghanischen Wurzeln halten sich laut Außenministerium derzeit noch in und um Kabul auf. Sie wurden aufgefordert, sich zum Flughafen in Kabul zu begeben. Ein aus Mitarbeitern des Außenministeriums und Bundesheerangehörigen bestehendes Krisenteam, das die noch in Afghanistan befindlichen Österreicher bei der Ausreise unterstützen soll, ist auf dem Weg nach Afghanistan.

Unterdessen steigt die Sorge vor gewaltsamen Racheakten der Taliban nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan. Die G7-Staaten reagierten alarmiert auf entsprechende Berichte und forderten die Islamisten auf, die von ihnen zugesagte Sicherheit von Zivilisten auch wirklich zu gewährleisten. Diese Botschaft ging von einer Telefonkonferenz der Außen- und Entwicklungshilfeminister der G7-Staaten aus, zu denen die USA, Großbritannien, Frankreich, Deutschland Italien, Kanada und Japan sowie Vertreter der EU gehören.

Amnesty International berichtete unter Berufung auf Augenzeugen von „brutalen Tötungen“ durch die Taliban in der Provinz Ghazni im Juli. In dem Dorf Mundarakht im Bezirk Malistan seien sechs Männer der schiitischen Minderheit Hazara erschossen und drei zu Tode gefoltert worden, wie die Menschenrechtsorganisation in eine Aussendung am Freitag mitteilte. Dabei sei ein Mann mit seinem eignen Schal erwürgt und seine Armmuskeln abgetrennt worden.

„Die kaltblütige Brutalität dieser Tötungen erinnert an die Vergangenheit der Taliban und ist ein erschreckender Hinweis darauf, was die Taliban-Herrschaft bringen kann“, so Agnès Callamard, Generalsekretärin von Amnesty International. Die Organisation forderte den UNO-Menschenrechtsrat auf, einen „soliden Untersuchungsmechanismus“ einzurichten. Der UNO-Sicherheitsrat soll indes eine Dringlichkeitsresolution verabschieden, „in der die Taliban aufgefordert werden, die internationalen Menschenrechtsnormen zu respektieren“.


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