Nato-Außenminister warnen Taliban vor Terrorunterstützung

  • Artikel
  • Diskussion

Die Außenminister der 30 Nato-Staaten haben die neuen Machthaber in Afghanistan vor einer Zusammenarbeit mit internationalen Terroristen gewarnt. Man habe 20 Jahre lang erfolgreich verhindert, dass Terroristen Afghanistan als einen sicheren Rückzugsort für die Initiierung von Anschlägen nutzen könnten, heißt es in einer am Freitag nach einer Videokonferenz veröffentlichten Erklärung. Auf dem Kabuler Flughafen herrschten weiter chaotische Bedingungen für Ausreisewillige.

Man werde Bedrohungen durch Terroristen nicht zulassen und sei entschlossen, den Kampf gegen Terrorismus unnachgiebig, zielstrebig und solidarisch fortzusetzen, wurde in der Erklärung der Nato-Minister betont. Ob und wenn ja welche Konsequenzen aus den jüngsten Entwicklungen in Afghanistan gezogen, ließen die Außenminister offen. In der Erklärung heißt es zu diesem Thema lediglich: „Gemeinsam werden wir unser Engagement in Afghanistan umfassend reflektieren und die notwendigen Lehren ziehen.“

Der Machtübernahme der Taliban war die Entscheidung der Nato vorausgegangen, ihren Militäreinsatz in Afghanistan bedingungslos zu beenden.

Der dänische Außenminister Jeppe Kofod forderte die Nato-Staaten auf, gemeinsam ein klares Signal zu senden, damit der Flughafen in der afghanischen Hauptstadt Kabul funktionstüchtig bleibt. In einem Interview der dänischen Nachrichtenagentur Ritzau sagte er am Freitag, allein in den vergangenen 24 Stunden habe sich die Situation erheblich verschlechtert. „Deshalb ist es so wichtig, dass wir gemeinsam - mit den USA an der Spitze - diese Herausforderung lösen.“

Rund um den Flughafen herrschten extrem schwierige Bedingungen, so Kofod. Es gebe Berichte, dass praktisch keine Einheimischen auf das Flughafengelände kommen könnten.

Auf die Frage, ob er auch an Verhandlungen mit den Taliban denke, sagte Kofod: „Gemeinsam in der Nato müssen wir den ungehinderten Zugang zum Flughafen für diejenigen fordern, die evakuiert werden müssen. Und ja, wir müssen bereit sein, mit denen zu sprechen, mit denen wir sprechen müssen, um diese Aufgabe zu lösen.“

Angesichts des zunehmenden Zeitdrucks werden Verzweiflung und Gewalt rund um den Flughafen von Afghanistans Hauptstadt Kabul immer größer. Tausende Afghanen hoffen immer noch auf eine Gelegenheit, nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban mit westlichen Flügen außer Landes zu kommen. Auch die Evakuierung von Ausländern war am Freitag noch längst nicht abgeschlossen. Auf dem Weg zum Flughafen erlitt ein Deutscher, ein Zivilist, eine Schussverletzung.

Zuvor hatte eine Beraterin der afghanischen Mission bei den Vereinten Nationen in den USA auf Twitter geschrieben, einem Familienmitglied sei am Donnerstag am Flughafen Kabul in den Kopf geschossen worden. Trotz der Gefahr hielt der Ansturm von Menschen, die auf das Flughafengelände gelangen wollen, den fünften Tag in Folge an. Taliban-Kämpfer feuerten am Eingang zum zivilen Teil des Flughafens in die Luft und schlugen mit Peitschen, um die Leute zu vertreiben, wie ein Augenzeuge der dpa berichtete.

Die deutsche Bundeswehr twitterte am Freitag, sie habe bisher 1.649 Menschen aus 38 Nationen über eine Luftbrücke in Sicherheit gebracht. Es ist der bisher größte Evakuierungseinsatz. Bereits ab Samstag sollen zwei Hubschrauber des Typs H145M mit insgesamt 13 Soldaten eingesetzt werden können. Nach Angaben des deutschen Verteidigungsministeriums geht es dabei um eine „Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten“. Die Maschinen könnten für die Rettung einzelner Personen aus Gefahrenlagen eingesetzt werden. Es handle sich aber um keinen „Taxi-Service“.

Auf den deutschen Evakuierungsflüge sollen nach Angaben des Außenministerium auch die Österreicher, die sich noch in Afghanistan befinden, untergebracht werden. Bisher gelang es demnach, insgesamt vier Personen außer Landes zu bringen. „Einige Dutzende“ Österreicher mit afghanischen Wurzeln halten sich laut Außenministerium derzeit noch in und um Kabul auf. Die Zahlen würden sich „laufend ändern“, hieß es am Freitag weiter. Am Donnerstag war noch von 50 Personen die Rede. Ein aus Mitarbeitern des Außenministeriums und Bundesheerangehörigen bestehendes Krisenteam, das die noch in Afghanistan befindlichen Österreicher bei der Ausreise unterstützen soll, werde unterdessen mit der „ersten für heute geplanten Maschine der deutschen Bundeswehr“ von Taschkent nach Kabul reisen.

Der frühere Kommandant der amerikanischen und der internationalen Truppen in Afghanistan, David Petraeus, verteidigte unterdessen die afghanischen Streitkräfte nach dem Siegeszug der Taliban. „Sie hatten plötzlich keine Rückendeckung mehr“, sagte der frühere US-General dem Onlineformat STRG_F, das der NDR produziert. „Unsere Luftwaffe war weg.“

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International machte die Taliban für ein Massaker an der Hazara-Minderheit in Afghanistan Anfang Juli verantwortlich. Nach der Machtübernahme in der Provinz Ghazni hätten die militanten Islamisten neun Männer auf grausame Weise getötet, hieß es in einem am Freitag veröffentlichten Bericht. „Diese gezielten Tötungen sind ein Beweis dafür, dass ethnische und religiöse Minderheiten auch unter der neuen Herrschaft der Taliban in Afghanistan besonders gefährdet sind“, sagte Amnesty-Generalsekretärin Agnès Callamard.


Kommentieren


Schlagworte