Bildmächtiger Opernsommer bei den Salzburger Festspielen

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Der Unterschied zwischen Corona 2020 und 2021 bei den Opern der Salzburger Festspiele: Viele, viele Menschen auf der Bühne. Im zweiten Pandemiesommer, künstlerisch weitgehend ohne Einschränkungen, setzten beide szenischen Neuproduktionen - „Don Giovanni“ und „Intolleranza“ - auf bildmächtige Massenchoreografien. Mit einer kontroversen Mozart-Deutung und einer hochrelevanten Avantgarde-Preziose haben die Festspiele jedenfalls auch im zweiten Jubiläumsjahr ihre Mission erfüllt.

Das Team aus Romeo Castellucci und Teodor Currentzis für den „Don Giovanni“ galt seit der ersten Ankündigung der Zusammenarbeit als Garant für Außergewöhnliches. Dieses Versprechen wurde eingelöst - wenn auch nicht mit der ungeteilten Zustimmung, die der Regisseur zwei Jahre zuvor für seine „Salome“ in Anspruch nehmen konnte. Castelluccis „Don Giovanni“ war opulent und symbolüberfrachtet, überforderte lustvoll mit Kunstgeschichte-Zitaten und ließ 150 Salzburgerinnen Giovannis Untergang besiegeln: starke Bilder, aber nicht immer schlüssig. Für heftigere Erregung mancher Kritiker sorgte allerdings die ebenso effektvolle Behandlung, die Currentzis und sein Ensemble musicAeterna der Partitur angedeihen ließen. Für seine mitreißenden, Extreme auskostenden und Hörgewohnheiten umstürzenden Interpretationen wird Currentzis gefeiert - und schwer unter Beschuss gestellt. Große Materialschlacht, viel Publikumszuspruch, hitzige Debatten im Feuilleton: ein echter Festspiel-“Don Giovanni“.

Unter der programmatischen Leitung Markus Hinterhäusers ist Salzburg schon länger zum Kompetenzzentrum für Luigi Nono geworden. Mit „Intolleranza 1960“ hat der nunmehrige Intendant heuer eine „azione scenica“ des italienischen Avantgarde-Komponisten als üppiges Operntheater in die Felsenreitschule geholt, die sich in der lebendigen, brutalen, von knapp 170 Darstellenden wie eine menschheitshafte Skulptur ausgefüllten Regie von Jan Lauwers als erschütternder Kommentar zur Gegenwart darstellte. Von Ingo Metzmacher und den Wiener Philharmonikern wurde Nonos suggestive Musik mit Gänsehaut-induzierender Klarheit in den Raum gestellt, die leidenschaftliche politische Botschaft, der Schrei nach Menschenwürde inmitten von Flucht, Folter und Flutkatastrophen drängte sich als ästhetisches Gebot der Stunde auf. Einhellige Begeisterung unter Publikum und Kritikern, die über die übliche anerkennende Zustimmung für den Mut zu neuem Musiktheater weit hinausging.

Einen Festspiel-100er gar nicht nach Plan, aber dennoch mit großen künstlerischen Meriten, hatte es im Vorjahr gegeben - dafür verantwortlich war nicht nur die pandemiepolitische Dreistigkeit, überhaupt stattzufinden, sondern vor allem die beiden Opernpremieren 2020: „Cosi fan tutte“ als verschlankte, mit feinem Ensemble kammerstückartig aufgezogene und durchwegs erfrischende Mozart-Spontanität, die Christof Loy und Dirigentin Joana Mallwitz in wenigen Wochen wie mit dem Zauberstab ersonnen hatten und „Elektra“, von Krzysztof Warlikowski mit expressiver Psychodramatik bebildert und von Franz Welser-Möst zu visionärem Strauss skulptiert. Beide Produktionen wurden heuer wieder aufgenommen und ihr berückender Erfolg erwies sich nicht als corona-induzierte Chimäre, sondern als überaus nachhaltiges Festspielglück für ein heuer wesentlich größeres Publikum. Vida Miknevičiūtė, die für die in Bayreuth gebundene Asmik Grigorian an mehreren Terminen den Part der Chrysothemis übernahm, ließ dabei nie den Beigeschmack der Ersatzspielerin aufkommen.

Auch mit „Il trionfo del tempo e del disinganno“ von Georg Friedrich Händel sowie mit der „Tosca“, die am Samstag den Abschluss des szenischen Opernreigens bildete, setzte die Festspielausgabe 2021 auf Bewährtes: Das Händel-Oratorium feierte in der gekonnt als Gegenwartsübersetzung tätigen Regie von Robert Carsen bereits zu Pfingsten Premiere und auch mit der schwangerschaftsbedingten Ablöse von Melissa Petit durch Regula Mühlemann spielte das Konzept, den Disput zwischen Vergnügen, Schönheit, Zeit und Einsicht rund um eine Castingshow auszutragen, seine Stärken aus. Michael Sturmingers wohlgefällige „Tosca“-Bebilderung im Mafia-Stil, bei den Osterfestspielen 2018 mit Anja Harteros in der Titelrolle gefeiert, durfte sich bei ihrer Wiederaufnahme mit Anna Netrebko im Erfüllen von Publikumserwartungen bewähren, hatte darüber hinaus aber wenig zum Opernerlebnis Festspiele hinzuzufügen.

Das Diven-Showdown vervollkommnet am heutigen Sonntagabend Elina Garanca mit der Partie der Marguerite in Gounods „Damnation de Faust“, die allerdings nur konzertant gegeben wird. Alain Altinoglu dirigiert die Wiener Philharmoniker, mit Charles Castronovo und Ildar Abdrazakov sind auch Faust und Mephistopheles mit klingenden Namen besetzt. Das erste konzertante Opernerlebnis des Sommers hatte dagegen nur eine einzige Stimme: Sarah Aristidou übernahm den herausfordernden, meist auf einem einzigen Ton ins Drama driftenden Sopranpart in Morton Feldmans klangmalerischer Beckett-Vertonung „Neither“.

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