Colson Whiteheads „Harlem Shuffle“: Meisterhafte Erzählkunst

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Zweimal hat Colson Whitehead den Pulitzer-Preis gewonnen. Mit seinem jüngsten Roman „Harlem Shuffle“ untermauert der 51-Jährige seinen Status als einer der wichtigsten US-Autoren der Gegenwart. Der aus drei Episoden bestehende Roman ist ein Meisterstück der Erzählkunst. Man fühlt sich blitzartig ins Harlem Anfang der Sechziger versetzt, atmet regelrecht die Luft und die aufgeladene Stimmung eines Stadtteils und einer Gesellschaft in Veränderung.

„Harlem Shuffle“ ist die Geschichte von Ray Carney, Möbelhändler und Sohn eines Kleinkriminellen, der sich in einer von Segregation, Rassismus, Bürgerrechtsbewegung und Unruhen geprägten Zeit hocharbeitet. Um über die Runden zu kommen und seiner jungen Familie ein besseres Leben zu ermöglichen, lässt sich Carney auf kleine Gaunereien ein, die im ersten Teil des Buchs, angesiedelt im Jahr 1959, aus dem Ruder laufen. Teil zwei springt ins Jahr 1961 und bietet eine wunderbar böse Rachestory. Im letzten Teil, vier Jahre später, lernt Carney die bittere Lektion, dass die weißen Reichen am längeren Hebel sitzen und man einen Preis bezahlt, wenn man ihnen die Stirn bietet.

„Harlem Shuffle“ ist auch eine Geschichte über Ungerechtigkeit, über Korruption, Vorurteile, über soziale Randgruppen, Profiteure, Betrüger, kleine und große Ganoven, über Menschen, die sich anbiedern und solche, die aufbegehren mit allen Konsequenzen, eine Geschichte über Gewalt und Verrat, aber auch über Zusammenhalt und Familie, über Moral und Macht. Whitehead verpackt den gesellschaftspolitischen Aspekt in eine originelle Familiensaga, wiederum verpackt in einen packenden Krimi. Der Roman, aufgeteilt in drei eigenständige Episoden, die dann doch zusammenhängen und ein Gesamtbild ergeben, ist nicht zuletzt auch eine Liebeserklärung an Harlem.

Erzählweise und Stil des Autors sind eine Wucht, wunderschön poetisch, kein Wort zu viel und keines zu wenig. Übersetzer Nikolaus Stingl gelang es, die Sprache der Fünfziger und Sechziger aus dem Original ins Deutsche zu übertragen, ohne unpassend deutsche Dialekte zu benutzen. Selbst die Nebenrollen sind ausgezeichnet besetzt, die Figuren glaubhaft und mehrdimensional. Whitehead schafft es mit wenigen Sätzen, seinen Charakteren die nötige Tiefe zu geben - etwa, wenn er über einen Polizisten schreibt: „Der Cop war bleicher und aufgeschwemmter, von der Tretmühle gezeichnet. Sein Gesicht führte Buch über seine Trinkerei, war von geplatzten Kapillaren gerötet und getüpfelt. Gratismahlzeiten von örtlichen Geschäftsleuten und zwielichtigen Kunden hatten seine Figur ruiniert.“

Mit seinem Drama „Underground Railroad“ (2017) brachte Whitehead die Grausamkeit der Sklaverei schonungslos aufs Tapet, mit dem Nachfolger „Die Nickel Boys“ zeigte er Missbrauch und Rassismus in „Besserungsanstalten“ auf. Für beide Bücher bekam er den Pulitzer-Preis. Nun entführt er seine Leser ins New York einer Zeit des Umbruchs und Aufbruchs, der wirtschaftlichen Möglichkeiten, aber auch des Niedergangs und Enttäuschungen. „Harlem Shuffle“ ist weniger direkt kritisch als seine Vorgänger, der soziale Hintergrund trotzdem nicht weniger eindringlich.

(S E R V I C E - Colson Whitehead: „Harlem Shuffle“, aus dem Englischen von Nikolaus Stingl, Hanser Verlag, 384 Seiten, 25,70 Euro)


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