Ein Toter bei Gefecht am Flughafen Kabul

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Bei einem Feuergefecht afghanischer Sicherheitskräfte sowie deutscher und US-amerikanischer Soldaten mit unbekannten Angreifern am Flughafen Kabul ist ein Ex-Soldat der aufgelösten afghanischen Armee, der zusammen mit den internationalen Kräften zum Schutz des Airports eingesetzt war, getötet worden. Drei weitere afghanische Sicherheitskräfte wurden Montagfrüh verletzt. Die Taliban wollen einer Verlängerung der Evakuierungen aus Afghanistan indes nicht zustimmen.

Von dem Flughafen starten die Evakuierungsflüge, mit denen westliche Staaten nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban eigene Bürger und afghanische Ortskräfte außer Landes bringen. So konnten am Sonntag auch weitere acht Österreicher ausgeflogen werden. Soldaten der ehemaligen afghanischen Armee sind an der äußeren Zugangsschleuse zum Flughafen eingesetzt. Eine zweite, innere Zugangsschleuse wird von US-Soldaten bewacht.

Nach Angaben der deutschen Bundeswehr auf Twitter kam es zu dem Schusswechsel gegen 4.15 Uhr (MESZ) am Nordtor des Airports. Alle deutschen Soldaten seien unverletzt geblieben. Die deutsche Botschaft hatte erst kurz zuvor gewarnt, dass es an den Zugängen immer noch sehr häufig zu gefährlichen Situationen und bewaffneten Auseinandersetzungen komme. Das Tor im Norden sei weiter geschlossen. Aufgrund der Sicherheitslage riet die Botschaft Deutschen sowie afghanische Ortskräften „dringend“ von Fahrten zum Flughafen ab. Es sei vorläufig grundsätzlich sicherer, zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben.

Die verletzten afghanischen Soldaten wurden von norwegischen Sanitätern auf dem Flughafengelände behandelt. In den vergangenen Tagen hatte sich die Sicherheitslage zugespitzt. Im Gedränge vor den zeitweise geschlossenen Toren des Flughafens gab es am Wochenende mindestens sieben Tote.

Später twitterte die Nichtregierungsorganisation Emergency, sechs Verletzte seien mit Schusswunden in das von ihr betriebene Krankenhaus in Kabul gekommen. Es sei aber keiner der Angeschossenen in Lebensgefahr. Seit Samstag früh seien in dem Krankenhaus 14 Schwerverletzte aufgenommen worden, 26 weitere seien notärztlich behandelt worden.

Über die Angreifer am Flughafen wurde zunächst nichts bekannt. Die US-Regierung hatte erst am Sonntag Sorgen vor einem Anschlag der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) am Flughafen oder in der Umgebung geäußert. „Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend“, sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, im Sender CNN. Man nehme die Warnungen „absolut todernst“. Die Taliban und der regional aktive Zweig des IS sind verfeindet und haben in der Vergangenheit gegeneinander gekämpft.

Die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bestätigte am Montag, dass es zunehmend Terrordrohungen gebe. „Wir haben unglaublich viele Flüchtlinge in der Stadt, wir haben eine verschlechterte Versorgungslage, wir haben zunehmend auch Drohungen auch von anderen terroristischen Gruppen“, sagte die Politikerin am Montag bei „Bild TV“. Weitere Einzelheiten nannte sie nicht.

Die Bundeswehr hat inzwischen fast 3.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen, darunter mehr als 1.800 Afghanen. In der Hauptstadt des Nachbarlandes Usbekistan, Taschkent, landete nach Angaben der Bundeswehr aus der Nacht ein Flugzeug mit 213 Passagieren, ein weiteres am Tag mit 198. Fast zeitgleich startete aus Taschkent zudem ein weiterer Militärtransporter des Typs A400M in Richtung Kabul, der neben Lebensmitteln auch Kleidung für die Menschen am Flughafen geladen hatte. Auch die USA und andere westliche Staaten führen Evakuierungen durch. Vor einer Woche hatten die militant-islamistischen Taliban Kabul erobert und die Macht übernommen. Seitdem fürchten sich Oppositionelle, Journalisten, Menschenrechtler und auch Ortskräfte, die für westliche Staaten tätig waren, vor Racheaktionen.

Ungarn hat laut Reuters am Montag insgesamt 173 Personen evakuiert, darunter auch Österreicher und US-Amerikaner. Die Maschine sei in der Früh in Budapest gelandet, erklärte Außenminister Peter Szijjarto. Acht Personen konnten gestern auf einem Flug der ungarischen Luftwaffe Afghanistan via Usbekistan sicher verlassen, bestätigte das Außenamt in Wien auf APA-Anfrage und dankte Ungarn für die Hilfe. Der Großteil der Evakuierten sei bereits auf dem Rückweg nach Österreich. Die Zahl der in Afghanistan befindlichen österreichischen Staatsbürger mit afghanischen Wurzeln, die beim Außenministerium oder bei der österreichischen Botschaft in Islamabad mit einem Ausreisewunsch gemeldet haben, belaufe sich derzeit auf „einige Dutzend“. Dies würde sich aber laufend ändern.

Das italienische Militär hat über seine Luftbrücke bisher mehr als 1.800 Afghanen aus Kabul ausgeflogen. Das Verteidigungsministerium in Rom berichtete am Montag von einem Flug mit 203 afghanischen Staatsbürgern, der am Hauptstadtflughafen Fiumicino landete. Auf Fotos der italienischen Luftwaffe, die mit rund etwa 1.500 Soldaten und mehreren Transportflugzeugen im Einsatz ist, waren zahlreiche Menschen zu sehen, die in einer Transportmaschine auf dem Boden saßen. Die Luftbrücke wird vom italienischen Verteidigungsministerium von Kabul via Kuwait organisiert. Die Evakuierten wurden in Rom Corona-Kontrollen unterzogen. Sie wurden dann mit einem Bus der italienischen Armee in Flüchtlingseinrichtungen untergebracht, berichteten italienische Medien.

In zwei Flugzeugen trafen weiters erstmals 226 Schutzsuchende aus Kabul in Belgien ein. Die Schweiz hat nach Angaben des Außenministeriums in Bern bisher rund 100 Personen ausgeflogen. Darunter seien auch lokale Mitarbeiter des Kooperationsbüros der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) mit ihren Familien - insgesamt rund 70 Personen. Frankreich hat nach Regierungsangaben „mehr als tausend Afghanen“ seit der Machtübernahme der Taliban ausgeflogen. Zudem seien „fast 100 französische Staatsbürger und rund 40 Bürger aus Partnerländern“ seit Mitte August von Kabul aus in Sicherheit gebracht worden, teilten das französische Außen- und Verteidigungsministerium am Montag in einer vorläufigen Aufstellung mit. Außenminister Jean-Yves Le Drian und Verteidigungsministerin Florence Parly wollten sich auf der französischen Luftwaffenbasis Al-Dhafra in den Vereinigten Arabischen Emiraten ein Bild von der Lage machen. Dort waren bisher sieben Evakuierungsflüge der französischen Luftwaffe zwischengelandet, bevor sie die Menschen weiter nach Paris brachten.

Das britische Verteidigungsministerium meldete am Montag, man habe bisher 5.725 Menschen aus Afghanistan in Sicherheit gebracht, darunter über 3.100 ehemalige afghanische Ortskräfte und deren Angehörige. Premierminister Boris Johnson will sich unterdessen bei US-Präsident Joe Biden für eine Verlängerung des Evakuierungseinsatzes in Afghanistan über die bisherige Deadline Ende August hinaus einsetzen. Das sagte Verteidigungs-Staatssekretär James Heappey dem Nachrichtensender Sky News. Johnson werde das am Dienstag beim Sondergipfel der G7-Staats- und Regierungschefs zu Afghanistan ansprechen.

Heappey machte auch deutlich, dass eine Fortsetzung des Evakuierungseinsatzes ohne die USA nicht denkbar ist. Das liege nicht nur an den US-Truppen, die den Einsatz sicherten, sondern auch am Betrieb des Flughafens. „Die harte Realität ist, dass es ohne die Unterstützung der USA keine internationale Luftbrücke geben würde.“ In Großbritannien hatte es Forderungen gegeben, die eigene Evakuierungsmission notfalls auch ohne US-Unterstützung fortzusetzen. Es müsse jedoch klar sein, dass auch die Taliban in die Gespräche einbezogen werden müssen, fuhr Heappey fort. Die militant-islamistische Gruppe habe die Wahl, entweder mit der internationalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, oder sich auf den Standpunkt zu stellen, dass es keine Möglichkeit für eine Verlängerung gebe. US-Präsident Joe Biden hatte eine Verlängerung der Evakuierungsmission nicht ausgeschlossen, zugleich aber deutlich gemacht, er hoffe, sie werde nicht notwendig sein.

Auch die deutsche Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer will jede einzelne Ortskraft aus Afghanistan holen. Aber es gebe noch Ortskräfte, die nicht in der Hauptstadt Kabul seien, sagt sie bei „Bild“-TV. Es stelle sich deshalb die Frage, wie man sicherstellen könne, dass man diese Menschen sicher nach Deutschland holen könne - in einem Monat, in einem halben Jahr oder vielleicht in einem Jahr. Darüber rede man derzeit. Kramp-Karrenbauer: „Wenn ich mich dazu mit Taliban an den Tisch setzen muss - auch als Regierung - dann tue ich das, weil das unsere Verpflichtung ist auch gegenüber diesen Ortskräften.“

Ein Sprecher der Taliban in der katarischen Hauptstadt Doha sagte dem Sender Sky News freilich, eine Verlängerung der Frist zu Evakuierung käme einer Verlängerung der militärischen Besatzung seines Landes gleich. Das sei weder notwendig noch werde man sich darauf einlassen. Sollten sich die USA dazu entscheiden, werde das Konsequenzen haben, so der Sprecher weiter. „Würden die USA oder Großbritannien zusätzliche Zeit erbitten, um die Evakuierungen fortzusetzen, wäre die Antwort ein Nein“, sagte Suhail Shaheen, ein Mitglied der Taliban-Delegation in Doha. Die für den 31. August festgesetzte Frist sei eine „Rote Linie“, so der Shaheen weiter.

Den großen Andrang am Flughafen in Kabul erklärte Shaheen mit dem Wunsch vieler Menschen, der Armut in Afghanistan zu entfliehen. Ängste vor Unterdrückung durch die Taliban würden als Vorwand genutzt und seien unbegründet. Berichte über Vergeltungsaktionen von Taliban-Kämpfern an Journalisten, ehemaligen Regierungsmitarbeitern und anderen vermeintlichen Kollaborateuren bezeichnete er als „Fake“. Jeder Vorfall weder untersucht. Wer sich schuldig mache, werde zur Verantwortung gezogen.


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