Total verrücktes Doppelspiel: Der Roman „Die Anomalie“

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Selten passiert es einem, dass man bei der Lektüre hell auflachen muss. Bei Hervé Le Telliers „Die Anomalie“ erwischt es einen gleich mehrere Male. Zunächst spielt der Roman unverschämt mit allen Spannungsmitteln, so dass man bald wie auf Nadeln sitzt. Dann folgt ein Coup, den jeder Lektor normalerweise als allzu weit hergeholt ablehnen würde, der aber mit größter Seriosität durchgespielt wird. Und schließlich wird psychologisch und philosophisch die feine Klinge angesetzt.

„Die Anomalie“ ist, so wie das physikalische Phänomen in seinem Zentrum, etwas, das es eigentlich nicht geben dürfte. Ein Buch, das den Prix Goncourt gewinnt und dennoch zum Millionen-Bestseller wird. Ein Buch, das sich liest wie von einem ausgebufften amerikanischen Thriller- und Drehbuchautor und doch geschrieben wurde von einem feinsinnigen französischen Literaten, der Mathematik studierte und als Bruder im Geiste von Größen wie Raymond Queneau, Georges Perec und Italo Calvino eigentlich Mitglied einer Gruppe experimenteller Literaten ist. Und doch existiert „Die Anomalie“, wird laut Verlag in 34 Sprachen übersetzt und auch verfilmt. Nun liegt das Buch, in der Übersetzung von Romy und Jürgen Ritte, auch auf Deutsch vor.

Den größten Lese- (und später: Kino-)Genuss hätte man zweifellos, wenn man gar nichts wüsste davon, was einen erwartet. Dann hieße es nun also: Lektüre der Kritik beenden, Buch kaufen, selber lesen! Sie werden es nicht bereuen, versprochen! Die Kleingläubigen dagegen werden in der Folge mit ein paar Info-Happen versorgt, die den Appetit anregen sollen. „Die Anomalie“ beginnt mit dem Porträt eines Auftragskillers, der ein perfektes Doppelleben als Entrepreneur und Familienvater führt. Kleine Zeit- und Ortssprünge steigern die Spannung. In der Folge lernen wir weitere Personen kennen: etwa einen mäßig erfolgreichen französischen Schriftsteller und Übersetzer; einen sehr erfolgreichen älteren Architekten, der daran verzweifelt, dass seine erheblich jüngere und von ihm abgöttisch geliebte Gefährtin ihm zusehends entgleitet; einen israelischen Familienvater, dem sein eigener Bruder eine niederschmetternde Krebsdiagnose stellen muss. Dazwischen gibt es häppchenweise Impressionen von einem Transatlantikflug Paris-New York, der sich einem mächtigen Tiefdruckgebiet nähert. „Ein Monster“, nennt es der Kapitän.

Raffiniert schnürt Hervé Le Tellier den Spannungsknoten. Man ahnt, was diese vielen unterschiedlichen Biografien zusammenhält: Sie alle sind Passagiere des Flugs AF006, der am 10. März 2021 in einen Tornado eintaucht, der die Boeing 787 südlich von Neuschottland fast zum Absturz bringt. Da registriert der Pilot, der bereits mit dem Schlimmsten rechnet, dass sich der von Hagel und elektromagnetischen Entladungen begleitete Wirbelsturm so plötzlich verzieht, wie er sich aufgebaut hat. Doch die beinahe noch größere Überraschung erlebt er, als er mit dem JFK Airport in New York Kontakt aufnimmt. Dort reagiert man nicht erleichtert, sondern ungläubig. Und innerhalb kurzer Zeit hat er nicht nur die Spitzen der US-Flugüberwachung in der Leitung, sondern auch zwei Abfangjäger an seiner Seite, die ihn zu einer US-Militärbasis umleiten.

Was nun folgt, übersteigt zunächst das Vorstellungsvermögen des Lesers und auch der US-Administration vom Präsidenten abwärts: Das Flugzeug war am 10. März zwar havariert, aber letztlich sicher in New York gelandet. Nun schreibt man aber bereits den 24. Juni. Und die Boeing taucht quasi aus der Vergangenheit erneut auf. Tests bestätigen das Unglaubliche: Sowohl die Maschine als auch Passagiere und Besatzung sind völlig ident. Sie existieren nun in zwei exakt gleichen Versionen. Die eilig einberufenen Stäbe von Top-Wissenschaftern einigen sich für sie zur Unterscheidung auf Zusatznamen: March und June. Zur Erklärung des Phänomens existieren dagegen bald drei Theorien. Jene, die am meisten Anhänger unter den versammelten Physikern, Logikern und Mathematikern findet, klingt am Unwahrscheinlichsten: Wir sind alle nur Teil einer großen Simulation. Tatsächlich existiert offenbar ein Höheres Wesen. Bloß hat es uns nicht erschaffen, sondern programmiert.

Wer bei diesen Theorien, die von den Eggheads vorgelegt und allen Ernstes mit dem natürlich völlig überforderten Präsidenten diskutiert werden, bald aussteigt, braucht kein schlechtes Gewissen zu haben. Keine Ahnung, wie viel reine Flunkerei und wie viel seriöses wissenschaftliches Fundament dabei ist. Literarisch ergiebiger ist dagegen die Frage: Wie reagieren die 243 doppelten Wesen aufeinander? Und welche Konsequenzen ergeben sich - privater, rechtlicher, finanzieller, emotioneller Natur? Hier läuft Hervé Le Tellier erneut zu großer Form auf und spielt etliche Varianten durch - vom schwulen nigerianischen Sänger, der künftig als Duo auftritt, bis zum Autor, der seine Wiedergeburt feiert, nachdem sein „Original“ nach Verfassen eines Überraschungs-Bestsellers Selbstmord beging, ehe sein Duplikat aus der elektromagnetischen Wolke auftauchte. Es sind schwierige und komplexe Fragen nach Identität und Originalität die hier behandelt werden, und Le Tellier lässt reichlich Tränen fließen.

Am nüchternsten geht übrigens die June-Version des Auftragskillers mit dem Problem um. Als einziger gelingt ihm die Flucht aus der hermetisch abgeschirmten Luftwaffenbasis. Daheim muss er feststellen, dass seine March-Variante die Zugangscodes zu allen seinen Geheimkonten geändert hat. Er löst das Problem wie einen Auftrag in eigener Sache: blutig, doch effizient. Für die Schlusspointe hat sich Hervé Le Tellier freilich noch was ganz anderes ausgedacht. Und erneut gelingt ihm damit, seine Leser zu überraschen. „Die Anomalie“ ist ein echtes Unikat. Bis zum Beweis des Gegenteils. Vielleicht also bloß bis zum nächsten schweren Gewitter.

(S E R V I C E - Hervé Le Tellier: „Die Anomalie“, Übersetzt von Romy Ritte und Jürgen Ritte, Rowohlt Hundert Augen, 352 Seiten, 22,70 Euro)


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