Freundin erwürgt - Mordprozess gegen 29-Jährigen in Wien

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Wegen Mordes an seiner Freundin hat sich am Dienstag ein 29-Jähriger vor einem Wiener Schwurgericht verantworten müssen. Die Anklage legte ihm zur Last, in der Nacht auf den 23. Februar 2021 die 28-jährige Frau in ihrer Wohnung minutenlang heftig gewürgt, ihr ein Plastiksackerl über den Kopf ge- und zugezogen und ihr am Ende ein Messer in den Bauch gestoßen zu haben. Der Angeklagte behauptete, er habe die Frau nicht getötet. Er habe sie bereits leblos vorgefunden.

Die 28-Jährige - eine gebürtige Polin - hatte den um ein Jahr älteren Mann 2019 kennengelernt. Dieser hatte bereits eine Ehe hinter sich, wobei sich diese Frau von ihm scheiden ließ, nachdem er sie regelmäßig verprügelt, mit dem Umbringen bedroht und ein Mal Minuten lang gewürgt hatte. Auch seine neue Beziehung „war von Anfang an von Gewalt geprägt. Es kam wiederholt zu Polizeieinsätzen“, stellte Staatsanwalt Gerd Hermann fest.

Das Paar sei dem Alkohol nicht abgeneigt gewesen, was die Aggressionsbereitschaft des fünfmal vorbestraften - in einem Fall wegen gegen seine Ex-Frau gerichteter Gewalttätigkeiten - Schulabbrechers und Gelegenheitsarbeiters in dann angetrunkenem Zustand oftmals erhöht habe. 2019 zeigte ihn seine neue Lebensgefährtin wegen fortgesetzter Gewaltausübung an. „Er hat sie ein Mal derart heftig gewürgt, dass sie bewusstlos wurde“, berichtete der Staatsanwalt.

In der anschließenden, im Vorjahr durchgeführten Gerichtsverhandlung zog die Frau ihre belastenden Angaben zurück. Der Mann wurde freigesprochen, sie in weiterer Folge wegen Verleumdung und falscher Zeugenaussage verurteilt. Man habe die ursprüngliche Aussage der Frau aber „sehr ernst genommen“ und von Spezialisten des Landeskriminalamts eine Gefährdungsanalyse ihres Partners erstellen lassen, betonte der Ankläger.

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Das Ergebnis dieser Einschätzung mutet aus Sicht der Staatsanwaltschaft wie eine Vorwegnahme des späteren Geschehens an. Die Gefahr für die 28-Jährige bzw. zukünftige andere Partnerinnen des Mannes wurde als hoch eingeschätzt, wobei vor allem vor Würgen gewarnt wurde. Allerdings gab es aus Sicht der Strafverfolgungsbehörden keine rechtliche Handhabe, um gegen den Mann vorzugehen. Die Partnerin blieb weiter bei ihm, in der kriminalistischen Gefährdungseinschätzung wurde auf die „emotionale Abhängigkeit“ der 28-Jährigen verwiesen, eine „Loslösung“ sei ihr „nur für kurze Zeit möglich“, hieß es. Der „Wunsch nach Zweisamkeit“ sei stärker, sie selbst fühle sich „wertlos“, was zu „emotionaler Unterwerfung“ führe.

Dabei soll der Angeklagte schon 2019 seiner Freundin in einem Streit erklärt haben, diese werde „durch meine Hände sterben“. Das bestritt er nun vor einem Schwurgericht (Vorsitz: Wolfgang Etl) entschieden. Er räumte im Grauen Haus zwar ein, dass es in der Nacht auf den 23. Februar zunächst in der Wohnung der Frau zu einem Streit gekommen sei, wobei Gläser zu Bruch gingen und er ihr einen Schubs versetzt hätte. Sie sei gestürzt, habe sich an der Hand aufgeschnitten und sich mit der Rettung in ein Spital begeben, wo sie ambulant behandelt wurde. Dass er sie bei dieser Auseinandersetzung würgte und mit einem Schuh verprügelte - das hatte die 28-Jährige gegenüber der Polizei erklärt -, sei nicht wahr, sagte der Angeklagte.

Er sei dann mitten in der Nacht aus ihrer Wohnung gegangen und „stundenlang herumgeirrt“, behauptete der 29-Jährige. Schließlich sei er am frühen Morgen zurück in ihre Wohnung gegangen, habe die angelehnte Wohnungstür bemerkt und dahinter die 28-Jährige mit einem halb über den Kopf gezogenen Plastiksackerl am Boden liegend gefunden: „Ich hab‘ zuerst geglaubt, sie schläft. Ich hab‘ sie aufgerichtet. Ich hab‘ geglaubt, sie lebt.“ In seinem „Schockzustand“ habe er ihren im selben Wohnhaus lebenden Stiefvater geweckt und sich mit diesem zurück an den Tatort begeben.

Er habe seine Freundin gemeinsam mit ihrem Stiefvater reanimieren wollen, sagte der 29-Jährige: „Ich bin immer noch schockiert, dass sie gestorben ist, dass sie ermordet worden ist.“ Auf die Frage des vorsitzenden Richters, wer die Frau denn umgebracht habe, erwiderte er: „Das ist eine sehr gute Frage.“ Sie habe Leute gekannt, „die ich teilweise überhaupt nicht gekannt habe“. Verteidiger Manfred Arbacher-Stöger verwies in diesem Zusammenhang auf den angeblich „großen Bekanntenkreis“ der Getöteten.

Staatsanwalt Hermann zeigte sich demgegenüber überzeugt, dass nur der Angeklagte als Täter in Frage kommt. Während die Polizei nach dem Einsatz in der Wohnung der Frau nach deren Partner suchte, um gegen diesen ein Betretungs- und Annäherungsverbot auszusprechen, sei dieser in ihre Wohnung zurückgekehrt und habe mit der aus dem Krankenhaus zurückgekommenen Frau wieder einen Streit begonnen. „Er hat ihren Hals ergriffen und massiv zugedrückt“, bekräftigte der Staatsanwalt. Laut gerichtsmedizinischem Gutachten wurde der 28-Jährigen unter anderem ein zweifacher Bruch des Ringknorpels zugefügt. Außerdem stellte der Gerichtsmediziner Daniele Risser eine Zungenbissverletzung fest - ein Indiz für einen längeren Würgeakt. Wie der Ankläger betonte, würden DNA-Mischspuren am Hals und am Plastiksackerl den 29-Jährigen belasten.

Der psychiatrische Sachverständige Peter Hofmann bescheinigte dem Angeklagten eine schwerwiegende Persönlichkeitsstörung, die durch jahrelangen Alkohol- und Drogenkonsum verstärkt worden sei. Es handle sich um eine sozial desintegrierte Persönlichkeit, der Mann weise einen ausgeprägten Narzissmus auf. Die inkriminierte Tat bezeichnete Hofmann als „hochaggressiv“, für den Fall eines Schuldspruchs empfahl er dem Gericht, den 29-Jährigen aufgrund dessen Gefährlichkeit zusätzlich in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher einzuweisen.

Mit dem Urteil dürfte am späten Nachmittag zu rechnen sein. Dem Angeklagten drohen zehn bis 20 Jahre oder lebenslange Haft.


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