Neues Buch von Peter Henisch: „Der Jahrhundertroman“

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Um es gleich kurz und schmerzlos zu machen: Ein Jahrhundertwerk ist „Der Jahrhundertroman“ von Peter Henisch nicht. Weder reflektiert er tatsächlich das 20. Jahrhundert auf literarische Weise, noch ist er ein epochales Werk, von dem man noch in hundert Jahren sprechen wird. Das eben erschienene Buch zählt nicht einmal zu Henischs besten. Es hat eine nette Grundidee, die nur angerissen, aber nicht wirklich durchgeführt wird, versucht vieles, überzeugt aber bloß in Ansätzen.

Es beginnt mit einer geläufigen Konstellation: alter Mann und junge Frau. Herr Roch, Ex-Buchhändler und ehemaliger stellvertretender Bücherei-Leiter, der die Bestände seiner aufgelassenen einstigen Filiale in sein privates Bücherlager transferiert hat, ist Stammgast in einem Kaffeehaus, in dem die Studentin Lisa als Kellnerin arbeitet. Er glaubt in ihr eine mögliche Vertraute gefunden zu haben, weiht sie in sein Projekt eines „Jahrhundertromans“ ein und möchte sie für das Abtippen seines handschriftlichen Manuskriptes gewinnen. Sie denkt sich: Will der alte Knacker anbandeln?

Rochs Vorhaben klingt interessant: „Der Jahrhundertroman sollte ein Autorenroman werden. (...) Schriftstellerinnen und Schriftsteller, habe ich gedacht, sind doch Leute, die etwas vom Leben in ihrer Zeit festhalten.“ Er beginnt mit Robert Musil, der vis-a-vis seiner Wohnung in der Florianigasse gewohnt haben soll, ein Wink des Schicksals wohl. Doch das Schicksal meint es sonst nicht allzu gut mit dem alten Mann mit den schlechten Augen: Sein Manuskript ist für Lisa praktisch unleserlich, als er stattdessen ihr die Seiten als Diktat vorlesen will, merkt er, dass der Studentin zu Hause offenbar die unnummerierten Seiten ziemlich durcheinandergekommen sind.

Dieser hübsche Kunstgriff verleiht der ziemlich hausbacken wirkenden Durchführung, in der meist bekannte Lebenssituationen bekannter Literatinnen und Literaten - von Bachmann und Bernhard bis zu Drach und Doderer - variiert werden, einen postmodernen Touch. Anderseits wird dadurch erst recht klar, was der „Jahrhundertroman“ eigentlich ist: Stückwerk nämlich. Stückwerk, das zwar in manchen Stücken durchaus eine ironische Leichtigkeit, manchmal Witz und gelegentlich auch Tiefe hat - da bricht die jeweilige Manuskriptseite aber auch schon wieder ab...

Das zwischen Roch und Lisa haut nicht wirklich hin. Dazu ist sie auch zu abgelenkt. Von ihrem Liebhaber, der ein rechter Hallodri ist, und vom Verschwinden ihrer Freundin Semira, die als Migrantin ins Land gekommen ist und nun plötzlich von fremdenpolizeilicher Abschiebung bedroht ist. Spät kommt dieses aktuelle Motiv ins Spiel, doch auch hier wirkt das meiste angelesen: Man erfährt, wie sich Lisa vorstellt, was Semira widerfahren ist. Literatur kann mehr. Das weiß Henisch, der große Erzähler, der heute, Freitag, seinen 78. Geburtstag feiert, und das weiß auch Roch. Deswegen lässt er Ernest Hemingway nach Lektüre von „Maikäfer flieg“ bei Christine Nöstlinger anrufen: „A fucking good book“, sagt er. „I‘d like to marry you.“

Das gehe nicht, sagt dagegen Lisa. Laut ihrem Smartphone sei Hemingway bei Erscheinen von Nöstlingers Buch bereits zwölf Jahre tot gewesen. Sie möge ihr idiotisches Smartphone wegschmeißen, entgegnet Roche. „Der zu häufige Gebrauch solcher Geräte ruiniert jede Kreativität. Möglichkeitssinn, Fräulein Lisa. Möglichkeitssinn“, greift er wieder auf Musil zurück. Ja, das wäre eine Möglichkeit gewesen. Dann hätte Hemingway die Nöstlinger geheiratet. Dann hätte der Ast auf den Champs Elysées Ödön von Horváth verfehlt. Dann wäre vielleicht „Der Jahrhundertroman“ auch wirklich ein Jahrhundertbuch geworden.

(S E R V I C E - Peter Henisch: „Der Jahrhundertroman“, Residenz Verlag, 290 Seiten, 24,70 Euro)


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