USA erwarten weitere IS-Attentate in Afghanistan

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Die USA stellen sich nach dem Vergeltungsangriff auf die Extremistengruppe „Islamischer Staat“ (IS) auf die gefährlichste Phase der am Dienstag endenden Evakuierungen ein. Die „New York Times“ und andere US-Medien gaben unterdessen die Zahl der bei dem Anschlag vor einem Tor des Kabuler Flughafens ums Leben gekommenen Menschen mit bis zu 170 an und beriefen sich auf Mitarbeiter der Gesundheitsbehörden. Die Taliban kontrollieren laut eigenen Angaben mehrere Tore am Flughafen.

„Zwei, drei“ Zugänge zum Flughafen seien in der Nacht auf Samstag von den USA an Kräfte der Islamisten übergeben worden, so ein Taliban-Vertreter am Samstag. Der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums, John Kirby, hatte eine derartige Übergabe nach ersten Medienberichten darüber in der Nacht auf Samstag allerdings vehement dementiert. Das Ausfliegen von Ausländern aus Afghanistan werde zügig fortgesetzt, so ein westlicher Vertreter. Jedem solle in den kommenden 48 Stunden eine Ausreise ermöglicht werden.

Nach dem Selbstmordattentat vor einem Tor des Flughafens in Kabul mit nach US-Medienberichten bis zu 170 Toten, darunter 13 US-Soldaten, griffen die USA am Freitag ein Ziel in der Provinz Nangarhar an der Grenze zu Pakistan an. „Ersten Angaben zufolge haben wir das Ziel getötet. Wir wissen von keinen zivilen Opfern“, hieß es in einer Erklärung des US-Militärs. Ein Vertreter der US-Regierung, der nicht genannt werden wollte, sagte, mit einer Drohne vom Typ Reaper sei ein Wagen angegriffen worden. Darin seien ein Planer des Attentats und ein IS-Mitglied gewesen.

Augenzeugen in Jalalabad, der Hauptstadt von Nangarhar, berichteten von Explosionen bei einem Luftangriff in der Umgebung der Stadt. Ein Gemeindevorsteher in Jalalabad sagte, dabei seien drei Menschen getötet und vier verletzt worden. „Frauen und Kinder sind unter den Opfern“, so Malik Adib, der nach eigenen Angaben von den Taliban mit der Untersuchung des Vorfalls beauftragt wurde. Die mit dem IS verfeindeten Taliban erklärten, einige IS-Mitglieder seien verhaftet worden. US-Präsident Joe Biden hatte das Verteidigungsministerium angewiesen, einen Angriff auf ISIS-K, den afghanischen IS-Ableger, zu planen. Der IS hatte sich zu dem Attentat am Donnerstag in Kabul bekannt.

Experten warnten, abgesehen von symbolischen Akten oder begrenzten Angriffen könnten die USA wenig ausrichten, um den ISIS-K existenziell zu treffen. „Wir haben seit 2014 versucht, die Gruppierung in Afghanistan zu zerstören“, sagte ein US-Offizier. Dies sei jedoch trotz jahrelanger militärischer Präsenz nicht gelungen.

Die USA und die in Kabul verbleibenden Alliierten müssen neben Ausländern und Ortskräften rund 5.000 Soldaten evakuieren. In den beiden vergangenen Wochen wurden nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums bereits rund 111.000 Menschen ausgeflogen. Mehrere Verbündete der USA, darunter Deutschland, hatten am Freitag ihren Rückzug abgeschlossen. Auch Großbritannien will mit den Evakuierungen aufhören. Der britische Botschafter in Afghanistan, Laurie Bristow, teilte mit, dass es an der Zeit sei, „diese Phase der Operation“ am Flughafen Kabul zu beenden. Sein Land werde aber weiterhin alles tun, um Afghanen zu helfen, die nicht ausreisen können. Sky News berichtete unter Berufung auf Verteidigungsquellen, dass der letzte zivile Evakuierungsflug der Briten schon in der Nacht stattgefunden habe. Gemischte zivile und militärische Flüge würden am Wochenende aber fortgesetzt.

Italien flog laut eigenen Angaben mehr bedrohte afghanische Bürger aus Kabul aus als jedes andere EU-Mitgliedsland. Mit der Ankunft von 58 Afghanen an Bord des letzten Evakuierungsflugs am Samstag habe Italien in den vergangenen Wochen rund 4.900 Afghanen aus dem Land gebracht, erklärte Außenminister Luigi di Maio am Flughafen Rom Fiumicino.

John Kirby erklärte weiter, dass es „spezifische und glaubhafte“ Hinweise auf weitere Attentate gebe. Die US-Regierung teilte mit, der Abschluss sei sehr wahrscheinlich die gefährlichste Phase des gesamten Einsatzes. Nach Angaben von Armee-Mitgliedern wird die Gefahr umso größer, je weniger Soldaten am Flughafen sind.

Man werde mit den radikalislamischen Taliban nach dem Truppenabzug in manchen Bereichen zusammenarbeiten müssen, um weitere Ausreisen zu ermöglichen, postulierte US-Regierungssprecherin Jen Psaki. „Die Realität ist, die Taliban haben große Teile Afghanistans unter ihre Kontrolle gebracht.“ Zudem machte der IS-Anschlag auf den Flughafen deutlich, die Zusammenarbeit mit den lange Zeit bekämpften Taliban könnte die beste Möglichkeit sein, um Afghanistan davon abzuhalten, wieder ein Rückzugsort für terroristische Gruppierungen zu werden.


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