Beethoven-Ballett: Tanz und Taubheit am Theater an der Wien

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2020 war ja eigentlich Beethovenjahr. Unzähliges war geplant zum 250er des Komponisten, aber neben Beethoven gab es mit Corona einen mächtigeren Jahresregenten und die Feierlichkeiten mussten allerorten verschoben, verkleinert und gestreamt werden. John Neumeier, der Grandseigneur des modernen Balletts, wollte zur „Neunten“ choreografieren - und durfte nicht. Am Samstag feierte nun sein „Beethoven-Projekt II“ am Theater an der Wien Premiere. Ein Geschenk, auch 2021.

Die „Neunte“ wurde es nicht, zu viele Menschen gleichzeitig hätte man da gebraucht, das gab auch in Hamburg das Hygiene-Konzept nicht her. Neumeier ging einen anderen Weg, einen persönlicheren, intimeren: Mit Kammermusik, ein bisschen Oratorium, Soloklavier und der siebenten Symphonie bastelte er eine Würdigung zwischen der biografischen Verzweiflung des ertaubenden Komponisten und der ausgelassenen Feierlaune eines seiner tanzbarsten Werke. Mit seinem Hamburg Ballett, dem Neumeier seit einem unglaublichen halben Jahrhundert als Direktor vorsteht, stellte er Beethoven als Mensch und als Musik zugleich in den Mittelpunkt, unzertrennlich, gerade in der Tragik der Taubheit.

„An die Freude“ hätte John Neumeiers Beethoven-Projekt ursprünglich heißen sollen, nun wurde daraus „Meine Seele ist erschüttert“: Die gleichnamige Arie des Jesus in „Christus am Ölberge“ singt Klaus Florian Vogt eindringlich und seine Spiegelung und Doppelung durch Solotänzer Aleix Martinez lässt keinen Zweifel daran, dass hier Beethoven selbst Gnade erfleht, Flucht sucht vor der tiefen inneren Zerstörung, die das unheilbare Ertauben ihm gebracht hat. Nicht nur das Oratorium, auch die c-Moll-Violinsonate Nr. 7 und die „Waldsteinsonate“ entstanden in unmittelbarer zeitlicher Nähe zum „Heiligenstädter Testament“, in dem der Erkrankte so verstörend Einblick in sein Leiden gab.

Das Ringen um die Musik, die Verzweiflung des Sonderlings, der den Grund für die Flucht vor der Gesellschaft nicht zugeben mag, das Getröstet- und Getragensein durch die Kunst: Neumeier erzählt davon mit wenigen, effektiven Bildern. Das Klavier und die Solisten - Hanni Liang am Klavier, Anton Barakhovsky an der Geige - werden umschwärmt und umtanzt, bei der Uraufführung der Kreation in Hamburg vor dem Sommer war sogar das ganze Orchester auf der Bühne. Denn das Heilsversprechen kommt schließlich von dort, aus den Instrumenten, aus den Rhythmen, die zum Tanz einladen in der siebenten Symphonie, die alles gut werden lassen, zumindest solange das ausgelassene Treiben weitergeht, vivace, allegretto, presto und con brio.

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In Wien kommen sie aus dem Graben, vom Wiener Kammerorchester unter Constantin Trinks, der das Tanzhafte herzhaft und temporeich betont, einen freudvollen Taumel, zu dem Neumeier „reinen, puren Tanz“ ersonnen hat, wie er im Programm verrät. Unmittelbares Genussballett, alles andere als frivol und doch: eine Wohltat, nicht nur nach dem Beethoven-, sondern erst recht nach dem Coronajahr. Großer Jubel für alle, Standing Ovations für Neumeier.

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