IS feuerte mehrere Raketen auf Flughafen Kabul ab

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Kurz vor dem Ende der Luftbrücke zur Evakuierung Schutzbedürftiger aus Afghanistan ist der Flughafen Kabul nach US-Angaben erneut unter Beschuss geraten. Bis zu fünf Raketen wurden laut US-Regierungsangaben Montagfrüh auf den Airport abgefeuert. Sie seien aber von einem Raketenabwehrsystem abgefangen worden. Der IS erklärte via Telegram-App, für den Raketenangriff verantwortlich zu sein. Die Soldaten des Kalifats hätten demnach sechs Katjuscha-Raketen abgefeuert.

Ersten Berichten zufolge habe es keine Opfer unter den Amerikanern gegeben. Der Vorfall unterstrich, wie gefährlich der unter Hochdruck laufende Einsatz auch in den letzten Stunden vor Ablauf der mit radikalislamischen Taliban vereinbarten Frist am Dienstag bleibt.

Die US-Regierung bestätigte Berichte, wonach fünf Raketen in Richtung des Flughafens der afghanischen Hauptstadt abgefeuert worden sind. Drei der Raketen seien „ohne Auswirkungen“ außerhalb des Flughafens gelandet, sagte Generalmajor William Taylor im Pentagon. Eine Rakete sei von einem installierten Raketenabwehrsystem am Flughafen abgewehrt worden. Eine weitere Rakete sei ohne Gefahr für Personal oder die Mission zu Boden gekommen, so Taylor weiter. Auf Nachfrage erklärte Pentagon-Sprecher John Kirby, dass diese Rakete innerhalb des Gelände des Flughafens gelandet sei.

Erst am Sonntag hatten die Amerikaner nach eigenen Angaben mit einem Drohnen-Angriff einen Selbstmordattentäter in einem Wagen getötet, der im Auftrag des IS-Milizenablegers Isis-K einen Anschlag auf den Flughafen vorbereitet haben soll. Dabei sollen mindestens zehn Zivilisten getötet worden sein. Das berichtet der lokale TV-Sender ToloNews am Montag. Unter den Toten seien demnach auch Kinder.

Bei der Zerstörung des Wagens sei es anschließend zu mehreren starken Explosionen gekommen, was darauf hindeute, dass das Fahrzeug wohl mit Sprengstoff beladen gewesen sei, teilte das US-Zentralkommando mit. Die Detonationen könnten weitere Opfer verursacht haben. Berichte über betroffene Zivilisten würden untersucht.

Ein Sprecher der Taliban kritisiert die USA, weil sie die Gruppe nicht im Voraus über den Drohnen-Angriff informiert hätten. Es sei widerrechtlich, dass die USA in anderen Ländern nach Belieben Angriffe ausführten, sagt der Sprecher dem chinesischen Staats-Sender CGTN. US-Präsident Joe Biden bekräftigte hingegen abermals, dass die Militärkommandeure „alles unternehmen sollen, was nötig ist, um unsere Truppen am Boden zu schützen“.

Im Zuge der Evakuierungsmission am Flughafen in Kabul brachten die USA zuletzt innerhalb von 24 Stunden rund 1.200 Menschen in 26 Flugzeugen des US-Militärs außer Landes. Seit dem Start der Mission Mitte August seien insgesamt rund 116 700 Menschen aus Afghanistan evakuiert worden, teilte das Weiße Haus am Montag in Washington mit.

110 österreichische Staatsbürger und Menschen mit Aufenthaltstitel in Österreich wurden bisher außer Landes in Sicherheit gebracht. Das sagte Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP). Weiterhin würden einige Dutzend auf die Ausreise warten, ebenso würden sich weiter täglich neue Menschen melden, die nach Österreich ausreisen wollten. Bei den noch Wartenden handle es sich sowohl um österreichische Staatsbürger als auch jene mit Aufenthaltstitel.

Laut aktuellen Zahlen des deutschen Innenministerium reisten bisher mit den Evakuierungen insgesamt 4.587 Personen nach Deutschland ein, darunter 3.849 Afghanen und 403 deutsche Staatsbürger. Davon seien 138 Ortskräfte mit 496 Familienmitgliedern, also insgesamt 634 mit einem Ortskräftebezug. Der deutsche Außenminister Heiko Maas will über die Bundeswehr-Evakuierungen hinaus nur denjenigen Menschen bei der Ausreise aus Afghanistan helfen, die eine Zusage für die Aufnahme in Deutschland haben.

Deren bisher als verschollen geltender Anführer Haibatullah Achundsada befindet sich nach Angaben des Taliban-Sprechers Sabiullah Mudschahid in Afghanistan. „Haibatullah Achundsada führt derzeit Gespräche in Kandahar“, sagte Mudschahid in einem Interview mit der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu der Türkei. Nach der Machtübernahme der Taliban Mitte August war der Vize-Chef der Bewegung, Mullah Abdul Ghani Baradar, in Afghanistan eingetroffen. Der Aufenthaltsort von Achundsada war bisher nicht bekannt.

Mit der Türkei strebten die Taliban eine enge Zusammenarbeit an, sowohl beim Thema Wirtschaft als auch in der Bildung, sagte Mudschahid. „Das türkische Volk und der Staat sind unsere Freunde. Es gibt sehr viele Gründe dafür, dass unsere Freundschaft bestehen bleibt.“ Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte bereits zuvor erklärt, sein Land wolle den Taliban beim Aufbau von Infrastruktur in Afghanistan behilflich sein.

Afghanistans Nachbarstaaten wollen sich indes absprechen und - wenn möglich - eine gemeinsame Position entwickeln. Alle wichtigen Akteure, auch Russland und China, sollen dabei sein. Russlands Botschaft in Kabul erklärte sich am Montag bereit, Anträge von Ausreisewilligen anzunehmen. Dazu seien zusätzliche Flüge geplant. Gleichzeitig schlägt Russland eine internationale Konferenz zum Wiederaufbau der Wirtschaft des Landes vor.

Im Lauf des Tages wollen UN-Generalsekretär António Guterres und die Vertreter der ständigen Sicherheitsrats-Mitglieder über eine mögliche UN-Sicherheitszone in Kabul sprechen. Der Vorschlag des französischen Präsidenten Emmanuel Macron wurde in London verhalten aufgenommen. Wie dort aus Regierungskreisen verlautete, arbeiten Großbritannien, die USA und Frankreich gemeinsam an einem Resolutionsentwurf für den UN-Sicherheitsrat, der noch Anfang der Woche verabschiedet werden solle.


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