US-Militäreinsatz in Afghanistan nach 20 Jahren beendet

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Nach dem Abzug der US-Truppen nach einem fast 20 Jahre langen Einsatz in Afghanistan scheint die Lage am Dienstag zumindest in der Hauptstadt Kabul zunächst ruhig. In der Provinz Panjshir - die einzige von 34 Provinzen des Landes, die noch nicht unter Kontrolle der Taliban steht, soll es jedoch Angriffe der militant-islamistischen Kämpfer gegeben haben. Taliban-Sprecher Zabiullah Mujahid gratulierte den Afghanen indes zum US-Abzug und sagte, „dieser Sieg gehört uns allen“.

Die Taliban wünschten sich gute Beziehungen mit den USA und der Welt, sagte Mujahid laut dem US-Sender CNN. Man hoffe, dass Afghanistan nie wieder besetzt werde und das Land wohlhabend und frei bleibe - eine Heimat für alle Afghanen, die islamisch regiert werde. Das hochrangige Taliban-Mitglied Anas Haqqani twitterte: „Wir schreiben wieder Geschichte. Die 20-jährige Besetzung Afghanistans durch die USA und die NATO endete. Gott ist groß.“

Alle US-Truppen hätten das Land verlassen, verkündete General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando führt, zuvor im Pentagon. Bei ihrem Abzug haben die US-Truppen zahlreiche Flugzeuge und gepanzerte Fahrzeuge sowie das Raketenabwehrsystem auf dem Flughafen von Kabul funktionsunfähig gemacht, damit diese nicht in die Hände der Taliban oder anderer islamistischer Gruppen fallen. 27 Humvees und 70 gepanzerte MRAP-Fahrzeuge - die bis zu eine Million Dollar pro Stück kosten können - seien unbrauchbar gemacht worden, so McKenzie. Die Fahrzeuge „werden nie wieder von irgendjemandem benutzt werden“. Die USA ließen auch das Raketenabwehrsystem C-RAM-System „entmilitarisiert“ zurück, das zum Schutz des Flughafens vor Raketenangriffen eingesetzt wurde.

Mit dem US-Abzug endete auch die militärisch gesicherte Evakuierung von US-Bürgern, Verbündeten und schutzbedürftigen Afghanen. Zurückgebliebene Amerikaner und andere Schutzsuchende wollen die USA nach Worten von Präsident Joe Biden mit diplomatischen Mitteln aber weiter aus dem Land holen. Biden wollte sich am Dienstag (19.30 Uhr MEZ) in einer Ansprache an die Nation zum Abzug äußern.

Die meisten europäischen Staaten hatten ihren Rettungseinsatz Schutzbedürftiger bereits am Donnerstag und Freitag vergangener Woche beendet. Immer noch befinden sich aber Zehntausende Menschen in Afghanistan, die vor den Taliban fliehen wollen - die meisten davon sind Afghanen. Laut Außenministerium wurden bisher 113 Österreicher bzw. Menschen mit Aufenthaltsberechtigung außer Landes in Sicherheit gebracht. Weiterhin warten aber noch einige Dutzend auf die Ausreise und täglich kommen laut Außenministerium neue Anfragen dazu.

Laut US-Außenministerium sind noch zwischen 100 und 200 Amerikaner in Afghanistan, die das Land verlassen wollen, und dem britischen Außenminister Dominic Raab zufolge eine „niedrige dreistellige“ an Briten. Die meisten davon seien wegen fehlender Papiere „schwierige Fälle“, sagte Raab. Ähnlich hatte sich Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) geäußert.

In einer gewaltigen Evakuierungsmission, die US-Präsident Biden als „größte Luftbrücke in der Geschichte der USA“ bezeichnete, hatten die Vereinigten Staaten und ihre Partner Landsleute sowie afghanische Schutzbedürftige ausgeflogen. Allein das US-Militär flog General McKenzie zufolge 79.000 Zivilisten aus Kabul aus, darunter rund 6.000 Amerikaner. Nach seinen Worten brachten die USA und ihre Verbündeten gemeinsam mehr als 123.000 Menschen außer Landes.

Die Vereinten Nationen wollen ihren humanitären Einsatz in Afghanistan nach dem Abzug jedenfalls fortführen, wie das UNO-Nothilfebüros (OCHA) mitteilte. Ein Versorgungsflug der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erreichte am Montag Mazar-i-Sharif, zwei weitere Flüge seien in den nächsten Tagen geplant, sagte eine Sprecherin in Genf. Das Welternährungsprogramm wolle eine humanitäre Luftbrücke aufrechterhalten. Die Flugzeuge sollen demnach auch Kabul anfliegen. Sie würden sowohl Material ins Land bringen als auch Menschen ausfliegen.

Unmittelbar nach dem Abzug der US-Truppen rückte die gut ausgerüstete Taliban-Spezialeinheit „Badri 313“ demonstrativ am Flughafen Kabul ein - zu deren Sicherung, wie es hieß. Bei weiteren Evakuierungen sind westliche Staaten jetzt auf Zusammenarbeit mit den Taliban angewiesen. Diese haben zumindest zugesagt, Ausreisen zu gewähren. Derzeit kann der zivile Teil des beschädigten Flughafens allerdings keine Flüge abfertigen.

In der Provinz Panjshir versuchten indes Taliban-Kämpfer laut Angaben der dortigen Widerstandskämpfer, bereits am Montagabend (Ortszeit) vorzudringen. Sie hätten am Eingang zum Panjshir-Tal angegriffen, sagte der Sprecher der Nationalen Widerstandsfront, Fahim Dashti, in einer am Dienstag auf Whatsapp geteilten Videonachricht. Die Islamisten hätten sieben oder acht Kämpfer verloren, die gleiche Zahl sei verletzt worden. Auch mehrere Widerstandskämpfer seien verwundet worden. Zuletzt hatte es von beiden Seiten geheißen, man wolle die offene Machtfrage durch Verhandlungen lösen. Gleichzeitig bauen prominente Afghanen aus dem Tal einen Widerstand gegen die Islamisten auf. Die Taliban äußerten sich noch nicht zu dem Vorfall.

Bewohner Kabuls sprachen am Dienstag von einem insgesamt ruhigen Tagesbeginn. Die meisten Geschäfte im Stadtteil Shahr-e Nau seien geöffnet, sagte ein Anrainer. Ein paar Banken hätten große Filialen nach zwei Wochen wieder geöffnet. Hunderte stünden an, um Geld abzuheben. Viele Taliban seien nicht auf den Straßen zu sehen. Ein Bewohner eines Stadtteils im Westen Kabuls sagte, private und öffentliche Schulen hätten erstmals seit der Taliban-Machtübernahme wieder geöffnet. Alle Schülerinnen und Schüler bis zur sechsten Klasse seien wieder im Unterricht.

Die bekannte Frauenrechtlerin Fausia Kufi forderte von den Taliban, das Land gemeinsam wieder aufzubauen. Der Reichtum Afghanistans seien seine jungen Menschen, Mädchen und Burschen, jene, die im Land seien, und jene, die in der Zukunft zurückkehrten, schrieb Kufi auf Twitter. „Dieses Land gehört uns allen.“

Der pakistanische Außenminister Shah Mehmood Quereshi forderte den Westen unterdessen auf, mit den Taliban zusammenzuarbeiten. „Lassen Sie uns nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholen“, sagte Quereshi nach einem Treffen mit dem deutschen Außenminister Heiko Maas in Islamabad. Er forderte, zunächst auf die Zusagen der Taliban zu vertrauen. Beide Minister rechnen innerhalb der nächsten Tage mit der Vorstellung einer neuen Taliban-Regierung. Afghanistan brauche jetzt Entwicklungs- und Wirtschaftshilfe, so Quereshi. „Wir dürfen keinen wirtschaftlichen Kollaps zulassen. Er ist im Interesse von niemanden. Das Land allein zu lassen, ist keine Option.“ Pakistan ist Nachbarland von Afghanistan, teilt eine 2.450 Kilometer lange Grenze und beherbergt einen Großteil der afghanischen Flüchtlinge.

Ausländische Truppen waren unter US-Führung vor 20 Jahren in Afghanistan einmarschiert - als Antwort auf die Terroranschläge von Al-Kaida-Terroristen vom 11. September 2001 in den USA. Der internationale Einsatz führte damals zum Sturz der Taliban-Regierung, die Al-Kaida-Terroristen Unterschlupf gewährt hatte.

Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban im August versucht die Bewegung, sich als gemäßigter darzustellen als zu ihrer Schreckensherrschaft zwischen 1996 und 2001. Viele im Land sorgen sich weiter, dass die militante Gruppe erneut durch Unterdrückung und mit drakonischen Strafen herrschen könnte. Die Islamisten haben versprochen, auch andere politische Kräfte in ihre neue Regierung einzubinden.


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