Kurz, Kirke und Kerker: Jelineks „Lärm“ im Akademietheater

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Ein Bretterverschlag, hinter dem offenbar ein prächtiger Salon aufgebaut ist, ein mit einer steinernen Balustrade gesäumter Abgang in die Unterbühne, wo ein vergittertes Kellerverlies wartet, ein die Bühne dominierender eiserner Masken-Kopf, in dessen Innerem ein Trapez hängt. Das war der Schauplatz für die gestrige Österreichische Erstaufführung des Stückes „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ von Elfriede Jelinek im Akademietheater. Bühnen-Chaos à la Frank Castorf.

2004 wurde Jelinek für den „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“ in ihren Werken, in denen sie „die Absurdität gesellschaftlicher Klischees und ihrer unterjochenden Macht“ offenlegt, mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. So wenig nach Jelinek wie gestern klang selten eine Aufführung eines ihrer Stücke. Ihre Sprachmelodie suchte man vergebens, die charakteristische Vermischung von Kritik und Kalauer, das Hinterfragen von sprachlichen Stereotypen, das Zerschlagen von gesellschaftlichen Verkrustungen mit dem Sprach-Hammer, wurde durch den Castorf-typischen Zugriff einer Tour de Force ersetzt. Hochdruck-Theater der Entäußerung. Volles Tempo, volle Lautstärke. Schließlich heißt das Stück ja „Lärm“...

Jelinek hat das Stranden des Odysseus auf der Insel der Zauberin Kirke, die seine Gefährten in Schweine verwandelt, als ein Zentralmotiv ihres Textes verwendet. Männer sind Schweine - aber auch das kapitalistische System, das Schweine industriell züchtet, schlachtet und verarbeitet, ist ein Schweinesystem, dessen Auswüchse wir mit Corona nun zu spüren bekommen. Diese Verbindung von antiken Mythen und modernen Seuchen hatte die Uraufführungs-Regisseurin Karin Beier im Juni am Deutschen Schauspielhaus Hamburg in eine alpine Aprés-Ski-Bar umgelegt, die sich im Laufe des Abends in ein Schweine-Schlachthaus verwandelte. War damals der direkte Bezug zu den Geschehnissen in Ischgl dominant, so wird diesmal bloß Lois Hechenblaikners Ischgl-Fotobuch eher beiläufig herumgereicht. Nicht das Tirolerisch-Touristische, sondern das Historisch-Französische dient Castorf als Bezugssystem.

Um den Masken-Kopf, dessen Inneres mit einer Lilienmuster-Tapete ausgeschlagen ist, dreht sich beinahe ohne Unterlass das Motto „Un pour tous, tous pour un“, das die drei Musketiere von Alexandre Dumas populär gemacht haben: Einer für alle, alle für einen. Auf dem Bretterverschlag wird auf Französisch gewarnt: Gehen verboten! Wegen neuer Welle! Das könnte die nächste Corona-Welle sein, die in Frankreich zu besonders strikten Ausgangsbeschränkungen führte, entlockt aber Cineasten ein Schmunzeln: „Nouvelle Vague“. Und Emmanuel Macrons Partei heißt bekanntlich „La République en Marche“. So feinsinnig und doppelbödig ist Castorf an diesem über dreieinhalbstündigen Abend, in den er auch Texte aus August Villiers de l‘Isle-Adams grausamer Erzählung „Die Marter der Hoffnung“ eingebaut hat, selten.

Die vielen Deutschland-Bezüge, die in Hamburg mit Collagen von Politiker-Aussagen präsent waren, sind in Wien naturgemäß einem Mann gewichen: dem österreichischen Kanzler, der im Akademietheater mit der Einspielung eines Zusammenschnittes seiner Corona-Reden und einer überdimensionalen Kurz-Maske vertreten ist. Textlich ist das mit vielfacher Verwendung seines Familiennamens ein wenig ergiebiger Kurz-Auftritt. Noch unergiebiger ist nur noch der Auftritt von Edmund, im Programmheft unter Mhemet Atesci, Marcel Heuperman, Dörte Lyssewski, Branko Samarovski, Marie-Luise Stockinger und Andrea Wenzl immerhin als siebenter Darsteller aufgezählt. Am Premierenabend erwies sich das Borstenvieh als Gegenteil einer Rampensau und begnügte sich mit ein paar Grunzern aus dem Halbdunkel.

Ja, es geht viel um Schweine und Schweinisches - sie sind auch mit Goldmasken und Plastikanzügen präsent. Ebenso wie ein Sauerstoff-Gerät, ein Geldautomat, der auseinandergenommen wird, und eine zerknitterte Sexpuppe, die jedoch nicht aufgeblasen wird. Die Damen zeigen wie stets bei Castorf viel Haut und tragen Stöckelschuhe, und auch, dass Mhemet Atesci in Strohkostüm mit Amuletten den Riesen-Hammer schwingt und dabei nicht nur Stroh drischt, ist eine der lustvollen szenischen Provokationen, die man vom 70-jährigen Regie-Altmeister gewohnt ist. Gewohnt ist man auch Momente scheinbarer Privatheit (einmal unterhalten sich Dörte Lyssewski und Branko Samarovski mitten in der Szene plötzlich darüber, wie es damals war, an der Berliner Schaubühne) oder offensiver Publikums-Ansprache: „Sind Sie schon geimpft“, blafft Andrea Wenzl mal in die erste Reihe. Und natürlich spielt wie stets Live-Video eine große Rolle. Diesmal gibt‘s als Kontrastprogramm Übertragungen aus dem noblen Plüsch-Salon und dem Keller-Verlies, in dem Matratzen und Kartons voller Bananen auf die Insassen warten (Bühne: Aleksandar Denic).

26 Jahre hat es gedauert, bis Frank Castorf nach 1995 („Raststätte oder Sie machen‘s alle“ in Hamburg) wieder einen Text von Elfriede Jelinek inszeniert hat. Den nächsten österreichischen Literaturnobelpreisträger gibt es dagegen schon in 14 Tagen: Bereits am 18. September hat am Burgtheater seine Inszenierung von Peter Handkes „Zdenek Adamec“ Premiere. Die gestrige wurde jedenfalls von manchen Teilen des Publikums lange und ostentativ umjubelt.

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