In Afghanistan wächst der Widerstand gegen die Taliban

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In Afghanistan flammt Widerstand gegen die militant-islamistischen Taliban auf. Bei einer Demonstration für Frauenrechte in der Hauptstadt Kabul kam es zu Zusammenstößen. Mindestens eine Frau sei dabei verletzt worden, berichteten lokale Journalisten. In der einzigen von den Taliban noch nicht eroberten Provinz Panjshir im Nordwesten Kabuls dauerten die Kämpfe am Wochenende an. Eine neue Regierung ist unterdessen weiter nicht in Sicht.

Taliban-Kämpfer sollen Berichten zufolge eine ehemalige Polizistin in der zentralafghanischen Provinz Ghor getötet haben. Negarah, die vor der Machtübernahme der Islamisten ihren Dienst in einem Gefängnis in der Provinz verrichtet haben soll, sei in der Nacht am Samstag vor den Augen ihres Ehemannes und Sohnes von Taliban getötet worden, sagte Hassan Hakimi, ein aus Ghor stammender Aktivist der Deutschen Presse-Agentur am Sonntag. Die Frau sei zudem schwanger gewesen. Zwei ehemalige Beamte der Provinz, die namentlich nicht genannt werden wollten, bestätigte den Vorfall.

Hakimi sagte weiter, man habe sich Sorgen gemacht um Frauen, die früher bei der Polizei, in einem Frauenhaus und in der Direktion für Frauenangelegenheiten gearbeitet hätten. „Die Taliban haben sie viele Male gewarnt.“ Der Aktivist kritisierte die Taliban, weil sie eine versprochene Generalamnestie nicht einhalten. Er sagte, ihre Taten widersprächen ihren Worten. In einem in sozialen Medien geteilten Video sagt ein junger Mann, der angibt, der Sohn der Getöteten zu sein, die Männer hätten sich als „Mujaheddin“ bezeichnet, als sie in ihr Haus gekommen seien.

Taliban nennen sich selbst Mujaheddin. Seine Mutter sei im achten Monat schwanger gewesen, sagte er in dem Video weiter. „Die Regierung müsse herausfinden, ob sie Taliban waren, oder Daesh, oder wer auch immer“. Der Begriff Daesh wird in Afghanistan für die Terrormiliz Islamischer Staat verwendet, die auch im Land aktiv ist. Das Video und die Angaben konnten nicht von unabhängiger Seite überprüft werden. Vonseiten der Taliban gab es zunächst keinen Kommentar zu dem Vorfall.

Videos von lokalen TV-Sendern und Aktivistinnen zeigen zudem, wie am Samstag in Kabul Dutzende schwer bewaffnete Taliban-Sicherheitskräfte mehrere Frauen umzingeln. Viele halten sich ihr Kopftuch vors Gesicht und husten. Andere liefern sich Schreiduelle mit Taliban. Ein Kommandant fragt über einen Lautsprecher „... was wollt Ihr, es gibt kein Problem Mädchen, okay?“, während im Hintergrund eine junge Frauenstimme zu hören ist, die fragt: „Warum schlagt ihr uns?“ Kurz darauf entreißt eine Frau dem Kommandanten den Lautsprecher. Die Videos konnten zunächst nicht unabhängig verifiziert werden.

Eine Teilnehmerin sagte der „New York Times“, die Taliban hätten versucht, die Teilnehmerinnen mit Tränengas, Gewehrkolben und Metallknüppeln oder Werkzeugen auseinanderzutreiben. Sie sagte weiter, sie habe mit fünf Stichen am Kopf genäht werden müssen, nachdem sie mit einem scharfen Metallgegenstand bewusstlos geschlagen worden sei.

Während des Taliban-Regimes zwischen 1996 und 2001 durften Frauen in Afghanistan nicht mehr arbeiten und nur noch verschleiert in Begleitung eines männlichen Familienmitglieds das Haus verlassen. Mädchen wurden auch vom Schulunterricht ausgeschlossen. Viele Frauen befürchten seit der erneuten Machtübernahme der Islamisten, dass diese wieder ähnliche Regeln für sie einführen werden.

Offensichtlich drangen die Taliban weiter in das Panjshir-Tal vor. Die italienische Hilfsorganisation Emergency, die ein Krankenhaus und eine Geburtenstation im Tal betreibt, teilte auf Twitter mit, dass die Islamisten das Dorf Anabah, rund 30 Minuten von der Provinzhauptstadt Basarak entfernt, erreicht hätten. Die Islamisten erklärten am Sonntag, sechs der sieben Bezirke seien bereits unter ihrer Kontrolle. Vertreter der Widerstandskämpfer gaben dagegen am Sonntag an, der Bezirk Parjan am Talende sei vollständig von Taliban-Kämpfern befreit worden. Am Eingang zum Tal seien Taliban nach der Sprengung eines Teils eines Berges eingekesselt. Rund 1.000 Angreifer seien getötet oder gefangen genommen worden.

Ein aus der Provinz stammender bisheriger Parlamentarier, Sal Mohammed Salmai Noori, sagte, es gebe Gefechte in Parjan und in Shutul - ein Bezirk, der am Talanfang liegt. Alles dazwischen sei unter Kontrolle des Widerstands. Achmad Massoud, der Anführer des Widerstands in Panjshir, erklärte am Samstag, er wolle weiterkämpfen. Dem Widerstand nahestehende Twitter-Konten berichteten von schwierigen Gefechten und fehlenden Ressourcen. Bereits in der Vergangenheit hatte Massoud andere Länder dazu aufgerufen, den Widerstand zu unterstützen.

Wann die Taliban ihre Regierung vorstellen werden, ist weiter unklar. Es gibt Berichte, denen zufolge die Taliban-Führung erst die Panjshir-Frage gelöst haben will. Beobachter berichten aber auch von internen Querelen und Postengeschacher. Die Zusammensetzung der Regierung ist seit Tagen Gegenstand von Gerüchten. Zuletzt hieß es immer öfter, ihr würden ausschließlich Taliban-Mitglieder angehören. Das widerspricht Forderungen aus dem Ausland sowie Versprechen der Islamisten, auch andere Politiker einzubinden.

Hochrangige US-Militärs fragen sich, ob die Islamisten eine stabile Regierung aufstellen können. „Ich weiß nicht, ob die Taliban in der Lage sein werden, ihre Machtstellung zu festigen und eine Regierung zu etablieren“, sagte US-Generalstabschef Mark Milley dem Sender Fox News am Samstag. „Meine militärische Einschätzung ist, dass sich die Lage wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg auswachsen wird.“ Eine derartige Entwicklung könnte wiederum dazu führen, dass Terrorgruppen das Machtvakuum in Afghanistan für sich nutzen, warnte Milley. Eine Neuformierung etwa vom Terrornetzwerk Al-Kaida sei zu befürchten.

Das öffentliche Leben normalisierte sich am Wochenende ein bisschen. Am Samstag wurde in Kabul der große Geldwechslermarkt wieder eröffnet. Im Land herrscht eine Bargeldkrise, weil die Reserven der Regierung, die im Ausland geparkt sind, eingefroren sind und somit die regelmäßigen Bargeldlieferungen ins Land ausbleiben. Auch erste Inlandsflüge wurden am Wochenende wieder aufgenommen.

Die EU-Außenminister hatten am Freitag Bedingungen für eine beschränkte Zusammenarbeit mit den Taliban gestellt: Sie sollen eine Regierung bilden, die möglichst viele Bevölkerungsteile abbildet und unkomplizierte Hilfslieferungen ermöglicht. Zudem sind sie aufgefordert, die Einhaltung von Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit zu gewähren, schutzbedürftigen Menschen die Ausreise zu garantieren und dafür zu sorgen, dass Afghanistan nicht wieder zu einer Basis für international operierende Terrorgruppen wird.


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