„VollZeit“-Kabarett: „Die SpätSies“ feierten Premiere

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Die Corona-Zeit ist für niemanden lustig. Besonders schwer haben es jedoch die Jungen und die Alten. Barbara Klein und Krista Schweiggl gehören eher zu Letzteren. Gemeinsam zählen sie 144 Jahre. In den frühen 1980ern brachten sie als feministisches Kabarettduo „Chin & Chilla“ fünf gemeinsame Programme auf die Bühne. Als „Die SpätSies“ geben sie nun ihr Comeback und nehmen sich „VollZeit“. Am Dienstagabend war Premiere im Studio des Theater Akzent in Wien.

Schweiggl und Klein, die 2018 die Leitung des von ihr gegründeten Kosmos Theaters abgab, sind keine Vollzeit-Kabarettistinnen, aber „VollZeit“ nahm tatsächlich viel Zeit in Anspruch: Ein Jahr lang haben sie an dem Programm gearbeitet, fast ein Jahr lang warteten sie dann darauf, es erstmals auch zeigen zu dürfen. Denn genau einen Tag vor der geplanten Premiere am 4. November 2020 wurde der Lockdown verlängert und verschärft. Nach der vierten Verschiebung war es gestern nun endlich so weit.

„Voll Zeit“ ist kein Nummern-Kabarett und keine Pointenschleuder. Es ist eine von Schweiggl geschriebene Bühnen-Miniatur, die sich 70 Minuten lang bewusst Zeit nimmt, ein anderes Tempo und einen anderen Ton anzuschlagen. Ein Arztbesuch gibt den Rahmen vor: Eine Seniorin braucht ein Attest, um ihren Führerschein erneuern zu lassen. Sonst wird es auch nichts mit der geplanten Seniorinnen-WG. Aber nicht nur der Umstand, dass die Patientin ein Vogelhäuschen statt einer Handtasche bei sich hat, macht die Ärztin stutzig, auch ihre offenkundigen periodischen Absencen lassen daran zweifeln, ob die nötige Verkehrstauglichkeit gegeben ist: „Wissen wir eigentlich, wo wir hier sind?“, lautet eine der betont langsam und zunehmend genervt gestellten Fragen im typisch herablassenden Jargon.

„Ältere Frauen existieren einfach nicht“, hatte Klein, die im Laufe des Abends u.a. auch einen blasierten Schönheitschirurgen, eine Apothekerin, einen ÖBB-Bediensteten und eine Heim-Betreuerin gibt, im Vorfeld ihre Motivation für das Programm erläutert. Diesen Befund illustrieren die Beiden mit zahlreichen ineinander übergehenden kurzen Szenen, aber mit erstaunlich milder Grundhaltung. Vielleicht lässt sich mit dritten Zähnen nicht mehr so kraftvoll zubeißen? Oder sie haben die Lust am Kämpfen verloren, weil es schöner ist, miteinander lachen zu können? In „VollZeit“ wird mehr konstatiert als kritisiert. Und sich bewusst Zeit gelassen, sich zu sammeln und durchzuatmen.

„Die SpätSies“ gehen nicht auf die Barrikaden, sondern machen darauf aufmerksam, wie ähnlich googeln und gurgeln, Tablet und Tablette klingt und wie schräg die Aufforderung „Gehn‘s in Netz!“ anmutet. Sie fordern sanft Respekt ein und sind dabei nur ein klein wenig bösartig. Wie geht Gleichbehandlung? Zu allen Frauen gleichermaßen „Du Trampel“ sagen!

Klein und Schweiggl stehen gerne miteinander auf der Bühne und lassen sich dabei nicht aus der Ruhe bringen. Mit einem Filmquiz im Heim, bei der die beiden neben einigen klassischen Szenen der Filmgeschichte auch die Hohlheit heutiger TV-Serien nachspielen, und einem kleinen Tänzchen geben sie dem Publikum dann doch noch ein wenig Zucker. Und zur Zugabe mit dem „Gebet des älter werdenden Menschen“ von Theresa von Avila werden lächelnd die Lesebrillen aufgesetzt. Es beginnt mit: „O Herr, bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.“ Das Gebet wurde erhört: Corona ist an diesem Abend nur eine marginale Randerscheinung.

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