Theaterhaus Dschungel Wien fürchtet Verbote zu Saisonstart

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Mit einem überbordenden Programm wartet der Dschungel Wien, das im Museumsquartier gelegene Theaterhaus für junges Publikum, ab 23. September auf. Dutzende Produktionen für alle Zielgruppen und gleich mehrere Festivals wurden bei der heutigen Saison-Pressekonferenz vorgestellt. Dennoch plagen Leiterin Corinne Eckenstein große Sorgen: Die Maßnahmen für eine „sichere Schule“ dürften dazu führen, dass diese Angebote schon bald nur sehr eingeschränkt wahrgenommen werden können.

Ab einer Inzidenz von 200 sollen Schulveranstaltungen und damit auch klassenweise Theater- oder Museumsbesuche nicht mehr durchgeführt werden. „Erwachsene dürfen weiterhin ins Theater gehen, auch mit ihren Kindern. Wie kann es sein, dass nun wieder Kinder aus den bildungsfernen Schichten den höchsten Preis zahlen sollen?“, ärgert sich die Theaterleiterin im Gespräch mit der APA. „Wir sind fassungslos, wie wenig auf die Psyche der Kinder Rücksicht genommen wird.“ Dabei würden gerade Kinder eine unglaubliche Disziplin bei der Befolgung der Anti-Covid-Maßnahmen an den Tag legen. „Die Konsequenz, mit der sie die Masken tragen, sehe ich bei Erwachsenen nicht.“

Mit dem Wegfall der Schulklassen würde dem Dschungel auch ein Teil der Einnahmen wegbrechen, erklärt Eckenstein, die jedoch zugibt, dass u.a. dank Kurzarbeit die finanzielle Situation des Theaterhauses nicht besorgniserregend sei. Zum Budget tragen u.a. das Kulturamt der Stadt Wien (1,450.000 Euro), das Kulturministerium (55.000 Euro) und das Shift-Programm der Stadt Wien zur Förderung innovativer Kunst und Kultur (50.000 Euro) bei. Im Lockdown habe man viele Produktionen, die nun darauf warteten, gezeigt zu werden, entwickelt, jedoch gar nichts gestreamt. „Das ist nicht das, was die Kinder brauchen. Die brauchen lebendiges Live-Theater. Als wir vor dem Sommer wieder spielen konnten, war der Bedarf riesengroß und unsere Auslastung bei 100 Prozent. Die waren richtig ausgehungert!“

Eckenstein steckt mitten in den Proben zur Eröffnungsproduktion der Saison 2021/22, die - gemeinsam mit „Hijab Offline“ - gleichzeitig auch den Start für das SKIN Performancefestival für junge Erwachsene markiert. „Kalaschnikow - Mon Amour“ entwickelt sie mit jungen Migranten aus Irak und Afghanistan. „Es ist fantastisch, mit ihnen zu arbeiten. Es ist ein hoch emotionales Stück geworden, das durch die Ereignisse der vergangenen Wochen noch einmal viele weitere Bezüge aufgenommen hat.“ Eigentlich stehe deren Auseinandersetzung mit Männlichkeitsidealen im Mittelpunkt, „doch sie spüren, dass es ihnen eine große Chance auf mehr Sichtbarkeit und auf die Vermittlung eines anderen Blickwinkels bietet“. Dies sei auch ihr Anliegen als Regisseurin, Choreografin und Theaterleiterin, sagt Corinne Eckenstein: „Es geht mir immer um andere Sichtweisen auf Menschen, Zustände und Probleme.“

Daher richtet sich auch das dreiteilige SKIN Festival an ein diverses Publikum aller Generationen und hat Schwerpunkte bei postmigrantischen Realitäten, bei Diversität und Queerness, Sex und Gender, Feminismen und Body Positivity. Schon zwei Tage später, am 25. September, kommt mit „Medeas Töchter“ so etwas wie ein weibliches Gegenstück zum Opener auf die Bühne. Die Neuinterpretation des griechischen Mythos wurde von Eckenstein mit fünf Darstellerinnen im Lockdown als Pop-Up-Performance erarbeitet und gezeigt, wird in der kommenden Woche bei einem Festival in Frankfurt Open Air gezeigt und anschließend zur Bühnenfassung umgearbeitet. „Medeas Töchter“ sind Krankenschwester, Kassiererin oder Reinigungskraft. „Es geht auch hier um Sichtbarkeit von Menschen, die marginalisiert sind.“

Neben den beiden weiteren Festivalteilen im November und März gibt es 2021/22 ein dichtes Angebot für alle Altersgruppen - insgesamt 72 Produktionen, darunter 19 Eigen- und Koproduktionen und 38 Produktionen aus der freien Wiener Szene, in rund 500 Vorstellungen. Das Programm reicht dabei von der Uraufführung von Klaus Langs Musikmärchen „Der Besuch vom kleinen Tod“ im Rahmen von Wien Modern bis zur sehr speziellen „Bambi“-Version für Kinder ab sechs Jahren. Und wohl nicht nur Corinne Eckenstein fände es sehr schade, wenn die ganzen schönen Pläne, Proben und Vorbereitungen für die Katz gewesen sein sollten.

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