Unentschlossen: Theater in der Josefstadt spielt „Medea“

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Mit der Mörderin Medea glücklich werden? Das fällt wohl ihrem Gemahl Jason und Theaterbesuchern gleichermaßen schwer. So auch bei der gestrigen Neuinszenierung des Grillparzer-Stücks im Theater in der Josefstadt, wiewohl der Premierenapplaus heftig und ausdauernd ausfiel und das Glück am Ende dieses widersprüchlichen Abends geradezu ostentativ zelebriert wurde: Die toten Kinder erwachen wieder zum Leben, und alle - inklusive Kreon und Kreusa - sind happy.

Medea ist quasi immer aktuell. Familiendramen in Patchwork-Zusammenhängen oder Flüchtende, die ihren Platz in der Fremde suchen und gleich wieder verstoßen werden: Von welcher Seite man die uralte Tragödie anpackt - sie scheint immer ein Kommentar zur Lage. Als Simon Stone vor nicht einmal drei Jahren im Burgtheater den Stoff in atemberaubender Manier (und mit einer großartigen Caroline Peters) auf die Bühne brachte, nahm er weder Euripides noch Grillparzer, sondern eine reale Familientragödie, die sich in den 1990ern in den USA ereignete, zum Ausgangspunkt seiner Überschreibung. Elmar Goerden baut in der Josefstadt nun auf Franz Grillparzer. Und landet im Nirgendwo.

Der Schauplatz - im Original der Königshof von Korinth - liegt offenbar irgendwo im Süden. Die Bühnenbildner Silvia Merlo und Ulf Stengl haben sich für eine Szene eine Art Wellness-Garten mit Outdoor-Dusche (aus der natürlich später Blut fließt) und Gräser-Trögen einfallen lassen, Kostümbildnerin Lydia Kirchleitner stattet König Kreon (Wolfgang Hübsch) u.a. mit Hawaiihemd und Sonnenbrille aus, während Medea, die „Wilde“, die „Fremde“, als Magd in schwarz mit züchtigem Kopftuch auftritt. „Medeens Amme“ trägt dagegen Tracht und Zöpfchen und ist mit einem Mann besetzt: Es dürfte mit Sicherheit eine der ungewöhnlichsten Rollen sein, die Michael König bisher gespielt hat. Erkenntnisse gewinnt man durch diese Gender-Cross-Besetzung keine.

Goerden streift alles ein bisschen: Sandra Cervik, die sich zweimal direkt ans Publikum wendet (einmal mit entblößter Brust), ist als Medea ein wenig die geknechtete und entrechtete Fremde, aber auch die im Sorgerechtsstreit um ihre Kinder kämpfende Mutter, Joseph Lorenz entpuppt sich als Jason rasch als toxischer, ungerechter Mann von heute, der um seine eigene Sicherheit und Bequemlichkeit willen bedenkenlos seine zeitweilige Gefährtin zu opfern bereit ist und diese am liebsten wie eine lästige Fliege verscheuchen würde. Ständig wirkt er genervt: „Man kann mit Dir nicht ruhig reden!“, keift er - und ist selbst längst auf 180. Dass dieses Konfliktpotenzial aber nicht explodiert und die ganze furchtbare Sache einen in diesen 105 pausenlosen Minuten erstaunlich kalt lässt, liegt daran, dass sich kaum einer und eine auf die anderen einlässt. Dass fast alles behauptet und nichts erspielt wirkt. Und dass die Besetzung des Stückes nicht überzeugt.

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Lorenz, eben noch in Schnitzlers „Der Weg ins Freie“ in jedem Zoll ein würdiger Vertreter einer untergegangenen bürgerlichen Epoche, hat als antiker Held in privaten Schwierigkeiten ein Glaubwürdigkeitsproblem. Was ihn mit seiner Medea verbindet (und umgekehrt), wird in keiner Sekunde sichtbar. Dass er im Gespräch mit Kreusa die gemeinsame Jugend heraufbeschwört, als man sie neckend Braut und Bräutigam nannte, wirkt nicht nur angesichts des realen Altersunterschieds von 27 Jahren, der ihn von Katharina Klar trennt, befremdlich. Das gilt auch für viele erratische Regieeinfälle, vom im Rollstuhl sitzenden Kind bis zu dem Moment, in dem Kreon das ihm verheißene Abschiedsgeschenk Medeas als Angebot zum Oralverkehr missdeutet. Und schon hat man auch #metoo mitgenommen. Der doppelte Kindesmord, sonst meist schwer zu ertragen, findet hier fast beiläufig, jedenfalls aber blutleer statt. Abgesehen davon, dass am Ende ohnedies alles wieder gut wird.

Dass Goerden mit dieser Inszenierung wie von Hausherr Herbert Föttinger prognostiziert eine „Grillparzer-Renaissance“ einleiten könnte, ist schwer zu glauben. Dazu müsste man nämlich Grillparzer erst einmal spielen.

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