Blasser „Richard II.“ kann am Burgtheater nicht überzeugen

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Es war ein denkbar langer Anlauf mit zwei Zwischenstopps: Schon vor einem Jahr probte der niederländische Regisseur Johan Simons am Burgtheater für Shakespeares „Richard II.“, doch zur geplanten Premiere im November kam es coronabedingt nicht. Es folgte eine „Vorpremiere“ im Bregenzer Festspielhaus im April und ein Streaming-Event im Mai. Nun ist das eher selten gespielte Königsdrama auf der Bühne angekommen, doch die Luft schien am Donnerstagabend bereits raus zu sein.

Dass der Applaus in den stellenweise eher licht besetzten Reihen des Burgtheaters nach zweieinviertel pausenlosen Stunden denkbar höflich ausfiel, lag nicht nur an der Dauer des Abends (oder an den sehr bequemen neuen Sitzreihen, die zum Knotzen einladen): Dem Werk fehlt die äußere Dynamik, weshalb Simons ganz auf die inneren Vorgänge seiner Protagonisten setzt. Zwar ist das Drama mit Jan Bülow als kindisch-verirrtem König Richard, Sarah Viktoria Frick in der Hosenrolle seines Widersachers Bolingbroke und Martin Schwab als dessen Vater John von Gaunt (sowie dessen Geist) hervorragend besetzt - doch ihr eindringliches Spiel geht im sehr zurückhaltenden Bühnenbild von Johannes Schütz oft verloren.

Der königliche Hof ist hier ein nach drei Seiten hüfthoch abgeschlossenes graues Becken, in dem eine meterhohe Stahlkonstruktion immer wieder in ihre Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt wird - so wie das Königreich, das hier schnurstracks umgebaut wird. Nur zu Beginn handelt es sich um eine Art Pavillon, der zunächst zu einzelnen Sitzgelegenheiten umfunktioniert wird und schließlich in seinen Elementen in die Waagrechte gestürzt wird. Dazwischen verlieren sich die Darsteller - die vor und nach ihren Auftritten im Bühnenhintergrund auf Stühlen Platz nehmen - in einem ziemlich großen Raum, in dem die Emotionen viel Gelegenheit bekommen, zu verpuffen.

Im Zentrum steht der schon mit elf Jahren zum König gekrönte Richard, der seine kindliche Naivität offenbar nie abgelegt hat und es nicht vermag, mit starker Hand zu regieren. Viel lieber vergnügt er sich mit seiner Ehefrau Isabel, die immer wieder auf seine Hüften springt und sich von ihm herumtragen lässt. Da Simons mit Shakespeares Frauenbild wenig anfangen kann, wie er im Vorfeld im APA-Interview erklärte, wertete er die Rolle der Königin auf und gab ihr mehr Text, um sie zur treibenden Kraft hinter ihrem Richard zu machen und ihr eine größere politische Funktion zu verleihen. Dieser Schachzug geht allerdings nicht wirklich auf. Die aus Jamaika stammende Stacyian Jackson gibt eine naiv-impulsive Figur ohne ein sichtbares Ziel vor Augen, zudem ist es leider nicht immer einfach, ihren Text zu verstehen.

Einen größeren Eingriff stellt da schon die Entscheidung dar, Frick als Widersacher Bolingbroke zu besetzen, der nach seiner Verbannung an den Hof zurückkehrt, um die Macht in Abwesenheit des Königs, der sich gerade im Krieg in Irland aufhält, an sich zu reißen. Die Machtergreifung verläuft dank Fricks souveränem Spiel fast wie von selbst: Mal in kurzen Pluderhosen, mal in einem großen weißen Kleid (Kostüme: Greta Goiris), legt sie den hinterfotzigen Cousin des Königs überraschend ruhig an und erreicht am meisten, wenn sie das Geschehen einfach mit stolz geschwellter Brust und überlegenem Grinsen beobachtet. Die Drecksarbeit erledigt sowieso der Hof: Oliver Nägele gibt einen herrlich opportunistischen Herzog von York, der nicht zweimal darüber nachdenkt, seinen eigenen Sohn zu verraten. Johannes Zirner als Northumberland und Lukas Haas als dessen rüpelhafter, machtgeiler Sohn Percy erledigen mit Aussicht auf ihren Aufstieg den Rest.

Auf Seiten Richards steht lediglich der treue Bushy, dem Falk Rockstroh als graue Eminenz Strahlkraft verleiht. Apropos graue Eminenz: Mit Martin Schwab hat Simons die Rolle von Bolingbrokes Vater John von Gaunt stark besetzt: Er ist in dem ganzen Trubel so etwas wie das moralische Gewissen am Hof, der zusehen muss, wie sein Sohn verbannt und dessen Erbe vom König einverleibt wird. Selbst als Geist hat er noch einen eindringlichen Auftritt. Bülow schließlich oszilliert zwischen fassungsloser Untätigkeit und naiven Anflügen von Erkenntnis und bleibt gerade durch seine bemitleidenswerte Orientierungslosigkeit das starke Zentrum der Inszenierung. Doch trotz der vielen soliden Performances der Darsteller vermag es Simons, der 2019 am Akademietheater mit seiner radikalen „Woyzeck“-Deutung brillierte, die vielen Einzelteile nicht zu einem großen Ganzen zusammenzusetzen. Wie das Bühnenbild löst sich auch der Abend in seine Bestandteile auf und hinterlässt viel leeren Raum.

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