Eloïse Bella Kohn geht mit Bach auf „Zeitreise“

  • Artikel
  • Diskussion

Bachs „Die Kunst der Fuge“ ist kein Berg, sondern ein Gebirge für Pianisten. Das letzte, unvollendet gebliebene Werk aus der Feder des Barockmeisters gilt nach wie vor als erratischer Block, bei dem weder die Besetzung noch genaue Struktur feststeht. An just diesen Brocken hat sich nun die junge französische Pianistin und Wahlwienerin Eloïse Bella Kohn gewagt - und bewältigt den Aufstieg vermeintlich federleicht. Am Sonntag (19. September) erscheint ihre CD bei Hänssler.

Am selben Tag wird die 30-Jährige das Werk erstmals im Amsterdamer Concertgebouw intonieren. Aber bereits tags darauf wird Kohn, die auch Mitbegründerin des Kammermusikfestivals Europäische Musiktage Heidelberg ist, im Wiener MuTh zu hören sein, bevor es weiter nach Berlin und Potsdam und später auch nach Paris geht. Vor dem Rummel sprach die Pianistin mit der APA über das Ziel der Selbstverständlichkeit, das Gute an der Pandemie und Bach als Schwimmen im See anstatt im Toten Meer.

APA: Was hat Sie nach Wien verschlagen?

Eloïse Bella Kohn: Ich bin 2015 für mein Klavierstudium bei Lilya Zilberstein an der Musikuniversität nach Wien gekommen. Geblieben bin ich dann aber aus privaten Gründen. (lacht)

APA: Ihre Debütplatte waren die 24 Debussy-Préludes, nun haben Sie Bachs „Kunst der Fuge“ eingespielt - zwei Werke, die denkbar weit auseinanderliegen. Wollten Sie bewusst zwei Arbeiten unterschiedlichen Charakters vorlegen, um Ihr Spektrum zu unterstreichen?

Kohn: Es sind beides Komponisten, bei denen ich mich sehr zu Hause fühle. Ich habe Debussy schon sehr früh und sehr viel in Frankreich gespielt, was damals ein ganz natürlicher Prozess war. Und bei Bach war es für mich sehr interessant, an den Ursprung der Tonalität zu gehen - ich finde es sehr spannend zu beobachten, was nach dem Zusammenbruch der Tonalität Anfang des 20. Jahrhunderts passiert - was konnte man danach noch erfinden? Wie Debussy die Harmonie verwendet, ist nicht mehr funktional, sondern nur noch als Farbe.

APA: Ist das auch der Grund, weshalb Sie für die Livekonzerte „Die Kunst der Fuge“ mit György Ligetis „Musica ricercata“ kombinieren?

Kohn: Ligeti hat dieses Werk über 200 Jahre nach der „Kunst der Fuge“ komponiert, folgte aber einem ähnlichen Konzept. Bach verwendet ein einziges Thema, aus dem er eineinhalb Stunden Musik entwickelt. Und bei Ligeti handelt es sich um elf kurze Stücke, bei denen er pro Stück - ausgehend von nur zwei Noten im ersten - jeweils einen Ton mehr verwendet. Ligeti hat sich also sehr strenge Grenzen gesetzt und dabei eine sehr lebendige, swingende Musik geschaffen. Beide haben somit ein knappes Material sublimiert. Ich spiele die beiden Stücke deshalb auch ineinander verwoben. Es ist eine Zeitreise.

APA: War die Erarbeitung der „Kunst der Fuge“ Ihr Coronaprojekt?

Kohn: Ein Grund, warum „Die Kunst der Fuge“ etwa im Vergleich mit den „Goldberg Variationen“ bis dato nur sehr wenig aufgenommen wurde, sind die unglaublichen Dimensionen. Der ganze Zyklus mit seinen 16 Fugen und vier Kanons ist sehr komplex, und man benötigt viel Zeit für die Erarbeitung. Durch Corona hatte ich nun tatsächlich die Gelegenheit, das Werk sehr intensiv kennenzulernen. Die Pandemie hatte also zumindest auch etwas Gutes.

APA: Ist der Zyklus für Sie dennoch erratisch geblieben?

Kohn: Es ist nach wie vor ein enigmatisches Werk für mich, das eine starke mystische Aura hat. Es ist ja tragisch, wenn man sich klar macht, dass es praktisch für 100 Jahre nur als Lehrbuch für angehende Komponisten gesehen wurde. Erst 1927 gab es die erste Aufführung! Und auch jetzt noch gibt es unter den Fachleuten Diskussionen über die Besetzung und die Anordnung der Stücke.

APA: War für Sie eine Aufnahme mit Cembalo je ein Thema?

Kohn: Nein! Die Cembalo-Aufnahmen, die ich gehört habe, haben mich zwar immer mehr überzeugt als diejenigen mit Klavier. Aber das Klavier dient der Musik von Bach wunderbar, wenn man es richtig einsetzt. So habe ich bei der Aufnahme die Pedale nicht verwendet - was eine echte Einschränkung für mich war. Und vor allem auch anstrengend, denn eine Taste auf einem modernen Klavier zu drücken, benötigt viel mehr Kraft als auf einem Cembalo. Wenn man dann das Pedal nicht zu Hilfe nimmt, ist es unglaublich ermüdend, alle Töne nur mit der Fingern zu halten. Das ist, als wäre man sein gesamtes Leben lang im Toten Meer geschwommen und fände sich auf einmal in einem See wieder.

APA: Eine Besonderheit Ihrer Einspielung ist, dass Sie den unvollendeten Contrapunctus XIV von Thierry Escaich zu Ende komponieren haben lassen. Wieso fiel Ihre Wahl gerade auf ihn?

Kohn: Thierry war mein Kompositionslehrer in Paris. Und wie Bach ist er nicht nur ein Fugenspezialist, sondern auch Orgelvirtuose und kann hervorragend improvisieren. Die beiden haben also eine ähnliche Persönlichkeit als Universalkünstler, die alles können.

APA: Was war unter all diesen Voraussetzungen die Leitplanke für Ihre Interpretation?

Kohn: Ich hoffe, es ist jedenfalls nicht romantisch! Ich habe mich bemüht, sehr nahe am Text zu bleiben. Aber es ist kein mathematisches und abstraktes Werk für mich, sondern es ist Musik voller Emotionen. Es sollte ganz selbstverständlich klingen.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

)


Kommentieren


Schlagworte