Papst warnt in der Slowakei vor Spaltung Europas

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Papst Franziskus hat auf seinem Slowakei-Besuch vor einer Spaltung in Europa im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs nach der Corona-Pandemie gewarnt. Man dürfe nicht Gefahr laufen, sich von der Hast und der Verführung des Gewinns mitreißen zu lassen, und so eine vorübergehende Euphorie erzeugen, „die anstatt zu vereinen spaltet“, sagte er am Montag in Bratislava. Bei einem Treffen mit Juden positionierte er sich zugleich klar gegen Antisemitismus.

„Europa möge sich durch eine grenzüberschreitende Solidarität auszeichnen“, forderte der Argentinier, nachdem ihn zuvor die slowakische Präsidentin Zuzana Caputova in ihrem Amtssitz in Empfang genommen hatte. Dort waren auch Begegnungen mit rund 250 Vertretern der Zivilgesellschaft und Diplomaten anberaumt. Papst Franziskus reist bis Mittwoch durch die Slowakei.

Mit ihrer wechselvollen, vom Christentum geprägten Geschichte sei die Slowakei als ein „Mittelland“ dazu berufen, „eine Botschaft des Friedens im Herzen Europas zu sein“. Eigens erwähnte der Papst dabei laut Kathpress die „konfliktfreie Entstehung zweier unabhängiger Staaten“ vor 28 Jahren in die Slowakische und die Tschechische Republik.

Caputova hatte zuvor in ihrer Ansprache die christliche Tradition ihres Landes betont. Sie würdigte den Papst als „eine der aktuell größten moralischen und spirituellen Persönlichkeiten der Menschheit“. Seine Art, das Christentum als lebendiges, wichtiges Element moderner Gesellschaften zu verkünden. Ebenso würdigte sie seinen Einsatz gegen Fundamentalismus, Extremismus und Antisemitismus.

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Diesen Einsatz bekräftigte der Papst, indem er mit Vertretern der jüdischen Gemeinde im Zentrum von Bratislava zusammentraf. „Wir sind, ich betonte es, vereint in der Verurteilung jeglicher Gewalt, jeder Form des Antisemitismus und im Einsatz dafür, dass das Bild Gottes im menschlichen Geschöpf nicht geschändet wird“, sagte das Kirchenoberhaupt am Fischplatz (Rybne namestie), wo heute ein Holocaust-Mahnmal an die ehemalige Synagoge erinnert. „Liebe Brüder und Schwestern, eure Geschichte ist unsere Geschichte, eure Schmerzen sind unsere Schmerzen“, so Franziskus, der im Anschluss mit dem Präsidenten des Zentralverbands jüdischer Gemeinden in der Slowakei, Richard Duda, symbolisch zwei Kerzen anzündete.

Für die katholische Kirche in der Slowakei sind Antisemitismus und der Holocaust ein heikles Thema. Das Land war während des Zweiten Weltkriegs ein von NS-Deutschland abhängiger Vasallenstaat mit dem katholischen Priester Jozef Tiso als Präsidenten und anderen führenden Klerikern als aktiven Unterstützern. Das Tiso-Regime verbot alle demokratischen Parteien und deportierte nahezu 70.000 Juden in deutsche Konzentrationslager wie Auschwitz und Theresienstadt.

Die Slowakei gilt als katholisches Kernland, wobei der Klerus eher konservativ ist. Was Toleranz gegenüber anderen Lebensformen oder Migranten betrifft, können viele slowakische Kleriker dem argentinischen Papst nicht wirklich folgen. Franziskus rief die slowakische katholische Kirche am Montag auf, Freiheit zu geben, kreativ zu sein und sich dem Dialog zu stellen. Statt übertriebener Sorge um sich selbst oder um das Ansehen in der Gesellschaft sei die Frage wichtiger, was die Menschen von der Kirche erwarten, sagte er bei einer Rede vor Bischöfen, Priestern und Ordensleuten in der Martins-Kathedrale.

Wenn die Kirche „keinen Raum für das Abenteuer der Freiheit lässt, auch nicht im geistlichen Leben“, warnte der Papst, laufe sie „Gefahr, zu einem starren und abgeschlossenen Ort zu werden“. Viele, „vor allem die jüngeren Generationen, fühlen sich von einem Glaubensangebot, das ihnen keine innere Freiheit lässt, und von einer Kirche, in der alle gleich denken und blind gehorchen müssen, nicht angezogen“, mahnte Franziskus.

Franziskus besuchte auch das „Zentrum Bethlehem“, das vom Schwesternorden Missionarinnen der Nächstenliebe von Mutter Teresa betrieben wird. Es ist in der Slowakei weitgehend unbekannt. Die Nonnen helfen vor allem Bedürftigen und Obdachlosen, wie der frühere Sprecher der slowakischen Bischofskonferenz, Marian Gavenda, erklärte. Franziskus zeige mit seinem Besuch nicht nur Solidarität mit den Menschen am Rande der Gesellschaft, sondern appelliere auch an die Wohlhabenden. Abschließend empfängt Franziskus am Abend in der Nuntiatur Parlamentspräsident Andrej Danko und Ministerpräsident Eduard Heger.

Für die Gottesdienste und öffentliche Auftritte von Franziskus während seines bis Mittwoch dauernden Besuchs meldeten sich insgesamt mehr als 100.000 Menschen an, wie das örtliche Organisationskomitee nach Ende der Registrierungsfrist laut Kathpress in der Nacht auf Montag mitteilte. Rund die Hälfte der Anmeldungen gingen demnach für die Papstmesse im slowakischen Nationalheiligtum in Sastin am Mittwoch ein. Der andere Teil entfällt auf den für Dienstag geplanten Gottesdienst in Presov sowie ein Jugendtreffen und den Besuch in der von Angehörigen der Roma-Minderheit bewohnten Plattenbausiedlung Lunik IX in der ostslowakischen Metropole Kosice am selben Tag.

Die verhältnismäßig niedrige Gesamtanzahl der Anmeldungen für die insgesamt vier öffentlich zugänglichen Messen und Veranstaltungen mit Franziskus entspricht den zuletzt vom Vorbereitungsteam des Papstbesuchs geäußerten Befürchtungen, wonach die Corona-Schutzregeln viele Gläubige von einer Teilnahme abhalten würden. An den Messen und Begegnungen dürfen vollständig gegen Corona geimpfte Personen teilnehmen, aber auch solche, die von Covid-19 genesen sind oder einen aktuellen negativen Coronatest vorweisen können. Für Genese und Getestete sind dabei eigene Besuchersektoren vorgesehen.


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