Große und teure Modigliani-Schau in der Wiener Albertina

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Mit mehr als 80 Werken von Amadeo Modigliani (1884-1920) selbst und in Gegenüberstellung mit knapp 50 weiteren Objekten von Zeitgenossen wie Pablo Picasso und Constantin Brancusi widmet die Albertina ab Freitag - und damit coronabedingt ein Jahr später als geplant - einem der wichtigsten Vertreter des Primitivismus eine große Ausstellung. Und es ist eine Schau der Superlative geworden - nicht nur, was den Umfang, sondern auch, was den Aufwand und die Kosten betrifft.

Generaldirektor Klaus Albrecht Schröder sprach in einer Pressekonferenz am Donnerstag von der bisher größten Ausstellung auf europäischem Boden, die den Zeit seines Lebens von Armut, Drogenexzessen und Krankheiten gezeichneten und im Alter von nur 35 Jahren an Tuberkulose verstorbenen Künstler in den Mittelpunkt rückt. Diese zu stemmen, sei gerade in Zeiten der Pandemie äußerst schwierig gewesen.

Denn immerhin musste mit Dutzenden Leihgebern aus drei Kontinenten - von den USA bis Singapur, von Großbritannien bis Russland - verhandelt werden. Umso mehr sei er dankbar, dass man nun trotz der einjährigen Verschiebung „mehr oder weniger die gleiche Ausstellung“ in Wien zeigen könne, wie sie für 2020 - anlässlich des 100. Todestages des Künstlers - geplant war. Sie umfasst neben Gemälden und Zeichnungen auch drei der seltenen und recht fragilen Skulpturen, die Modigliani in seinen frühen Jahren anfertigte und die gleich zu Beginn der Ausstellung zu sehen sind. Doch bereits Mitte der 1910er-Jahre habe Modigliani seine „Passion“, die Bildhauerei, wegen zunehmender Lungenprobleme an den Nagel hängen müssen, wie Schröder erklärte.

Doch in dieser frühen Phase des aus Livorno stammenden und 1906 nach Paris übersiedelten Kaufmannsohns zeigen sich bereits die wesentlichen Stilmerkmale, die Modigliani in seinen späteren Gemälden - vorrangig sind es Porträts - einsetzen sollte: gestreckte Gesichtsformen, lang gezogene, säulenhafte Hälse sowie Nasenkeile; formale Reduktion des Körpers; oftmals leere Augen oder in sich gekehrter Blick.

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Angelehnt sind diese Ausdrucksformen an die teils Jahrtausende alte archaische Kunst vorwiegend aus Afrika und Indochina. Derlei Schätze seien von der Kolonialgroßmacht Frankreich in großem Stil geraubt und ins ethnografische Museum in Paris verfrachtet worden, so Schröder. Nicht nur Modigliani, sondern auch Picasso, Brancusi oder André Derain - die in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander lebten, arbeiteten und sich austauschten - glaubten darin den „Ursprung der Kunst“ zu finden und sahen eine Möglichkeit, gegen die Normen der Akademie, gegen den Naturalismus ihren eigenen Stil zu entwickeln. Daraus entstand jene Strömung, die in der Kunstgeschichte als Primitivismus bezeichnet wird.

Der Pariser Kunsthistoriker Marc Restellini, der als Herausgeber des Werkverzeichnisses als ausgewiesener Modigliani-Experte gilt, konnte als Kurator für die Albertina-Schau gewonnen werden. Er wollte nicht einfach eine Retrospektive zusammenstellen, wie er heute bekundete. Ziel sei es vielmehr gewesen, „zu beweisen, dass Modigliani einer der wichtigsten Avantgarde-Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewesen ist“. Dessen Stellung sei lange unterschätzt worden, gerade in der Gegenüberstellung vor allem mit Werken Picassos sollen die Beiden auf eine Stufe gestellt werden: „Sie haben zur selben Zeit am selben Ort am selben Thema gearbeitet.“

Schröder verteidigte auf Nachfrage, dass die Albertina gerade in Zeiten der regen Debatte über Raubkunst im Zusammenhang mit dem Kolonialismus am Begriff Primitivismus festhält. Die Frage habe man im Vorfeld intensiv diskutiert und sich dafür entschieden, ihn in der Ausstellung ausführlich zu erklären und zu kontextualisieren. Wichtig sei zu betonen, dass damit nicht die ursprünglichen Werke der alten Dynastien als primitiv bezeichnet würden, sondern jene Strömung Anfang des vorigen Jahrhunderts, die darauf Bezug nimmt.

Was die Stellung Modiglianis betrifft, wies der Albertina-Chef auf die geradezu „bizarre“ Diskrepanz zwischen den ärmlichen Lebensverhältnissen des Künstlers und dem heutigen millionenschweren Wert seines Oeuvres hin. Apropos Geld: Mit Kosten von rund 2,5 Mio. Euro ist die etwas mehr als drei Monate laufende Ausstellung auch die bisher teuerste für die Albertina. Schröder hatte die Verschiebung im Vorjahr u.a. damit begründet, dass es keine Chance auf die 300.000 Besucherinnen und Besucher gebe, die nötig wären, damit sich ein derartig aufwendiges Unterfangen rechne.

„Die 300.000 werden wir jetzt auch nicht erreichen“, zeigte sich der Hausherr gegenüber der APA realistisch. Schröder rechnet mit 200.000 Besuchern. Die einzige Alternative wäre allerdings eine Absage gewesen, da eine nochmalige Verschiebung angesichts der vielen Leihgeber nicht mehr möglich gewesen sei.

Dass Modigliani der Ruhm zum Zeitpunkt seines Schaffens verwehrt blieb, mag nicht nur an seinem frühen Tod, sondern auch an seiner Motivauswahl gelegen haben. Nur eine Einzelausstellung wurde Modigliani zu Lebzeiten zuteil: 1917 stellte er 20 weibliche Akte - mangels Geld für Modelle porträtierte er in erster Linie Prostituierte - aus und sorgte mit der offenen Darstellung von Schamhaaren für einen Skandal. Die Bilder wurden frühzeitig abgehängt, kein einziges verkauft. In seinen restlichen drei Lebensjahren malte er nur noch schamvoll bedeckte Frauen. Nach seinem Ableben war eigentlich ein Armenbeisetzung für den Künstler geplant. Da viele Kollegen - darunter auch Picasso -, aber auch Inhaber von Boheme-Cafés und Freunde tief in die Tasche griffen, sei es aber dann doch noch ein „Begräbnis eines Prinzen“ geworden, wie Schröder meinte.

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