ORF-Stiftungsrat bestellte zentrale und Landesdirektoren

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Der 35-köpfige ORF-Stiftungsrat hat am Donnerstag die vier zentralen und neun ORF-Landesdirektorinnen und Direktoren bestellt. Unter dem designierten ORF-Generaldirektor Roland Weißmann wird ORF III-Geschäftsführerin Eva Schindlauer Finanzdirektorin, ORF III-Chefredakteurin Ingrid Thurnher Radiodirektorin, Puls 4-Senderchefin Stefanie Groiss-Horowitz Programmdirektorin und GIS-Chef Harald Kräuter zum Technikdirektor. Alle fünfjährigen Funktionsperioden beginnen am 1. Jänner.

Die vier zentralen Direktoren kamen auf 32 von 35 Stimmen. Das entspricht über 90 Prozent Zustimmung. Dabei gab es keine Gegenstimme, nur drei Enthaltungen. Diese entfielen auf den FPÖ-Freundeskreis, wie deren Leiterin Barbara Nepp der APA sagte. Neben Nepp enthielten sich noch Georg Watschinger und Corina Heinreichsberger. Damit stimmten weit mehr Stiftungsräte für das Personalpaket als im August für Weißmann. Er kam mit türkis-grüner Unterstützung auf 24 von 35 Stimmen, wobei ihm auch mehrere Unabhängige und Stiftungsratsvorsitzender Norbert Steger ihre Stimme gaben.

In den Landesdirektionen kam es zu vier Verlängerungen und fünf Neubestellungen. So beziehen Werner Herics im Burgenland, Gerhard Koch in der Steiermark, Karin Bernhard in Kärnten und Markus Klement in Vorarlberg erneut die ORF-Landeschefsessel. An der Wiederbestellung Bernhards und Klements hat auch unlängst laut gewordene Kritik an deren Führungsstil nichts geändert. Neu an der Spitze eines Landesstudios sind mit 1. Jänner 2022 Edgar Weinzettl in Wien, Robert Ziegler in Niederösterreich, Klaus Obereder in Oberösterreich, Esther Mitterstieler in Tirol und Waltraud Langer in Salzburg. Damit kommt es zur einer Erhöhung des Frauenanteils von derzeit zwei auf drei Landesdirektorinnen. Das Paket der Landesdirektoren kam im Stiftungsrat auf 34 von 35 Stimmen, es gab eine Enthaltung von der vom ORF-Zentralbetriebsrat entsandten unabhängigen Stiftungsrätin Christiana Jankovics. Sie hatte am Vortag Kritik an der erneuten Nominierung Klements trotz Kritik an dessen Führungsstil geübt.

Für den designierten ORF-Generaldirektor Weißmann soll das neue zentrale Direktorium „abbilden und vorleben, was wir gemeinsam erreichen wollen“. Alle von ihm heute vorgeschlagenen Damen und Herren seien „starke Persönlichkeiten, die fachlich etabliert sind und in den letzten Jahren Innovationskraft und Umsetzungswillen bewiesen“. Entscheidend seien für ihn Professionalität und fachliche Kompetenz, Erfahrung in verschiedenen Bereichen des Hauses sowie die große Teamfähigkeit und Führungskompetenz jeder und jedes einzelnen gewesen. „Ich bin damit angetreten, dass der ORF weiblicher und jünger werden muss, und das ist mit diesem Team gewährleistet.“

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Thomas Zach, Leiter des bürgerlichen Freundeskreises, reagierte gegenüber der APA: „Mehr als 90 Prozent Zustimmung im Stiftungsrat für das neue ORF-Team sprechen für sich. Nach einer klaren Zweidrittelmehrheit für Weißmann im August, ist diese große Bestätigung für sein Team ein großer Vertrauensbeweis und klarer Auftrag für einen modernen und starken ORF.“

Lothar Lockl, der für die Grün-nahen Stiftungsräte spricht, zeigte sich erfreut, dass der ORF in der Führungsspitze nun „weiblicher, im Schnitt jünger und diverser“ wird. Das neue Team vereine „Kompetenz, Zukunftsorientierung und auch Erfahrung“ und sei das Richtige, um die anstehende Veränderungsprozesse durch die Konkurrenz von Google, Facebook & Co. in Angriff zu nehmen. „Sie alle haben heute sehr viel Feuer, Leidenschaft und Motivationsgeist erkennen lassen und gehen mit frischem Wind an die Aufgaben heran“, so Lockl, der sich erfreut zeigte, dass auch „Menschen außerhalb des Hauses, wiewohl mit ORF-Erfahrung“, unter den neu bestellten Direktorinnen und Direktoren seien. Die Abstimmung im Paket sei „im Wesentlichen so vorgegeben“, eine Einzelabstimmung hätte - bei den Zentraldirektoren - aus seiner Sicht heute kein anderes Ergebnis gebracht, kommentierte er Kritik am Bestellmodus.

SPÖ-Freundeskreisleiter Heinz Lederer sprach weiterhin von einer „Zäsur“. Der amtierende ORF-Chef Alexander Wrabetz habe eine hervorragende Bilanz hinterlassen. Der SPÖ-Freundeskreis verständige sich nun auf eine „konstruktive, aber sehr harte Kontrolle“. Er mahnte ein, dass der von Weißmann geplante Ausbau der Regionalisierung und die „Verländerung der Digitalisierung“ nicht Unsummen verschlingen dürfen. „Wir brauchen alle Kraft, um gutes Programm zu machen“, so Lederer. Den neuen Direktorinnen und Direktoren attestierte er „extreme Motivation“ und „inhaltliches Engagement“. Eine Diskussion habe es über die Wiederbestellung von Markus Klement in Vorarlberg gegeben. Dabei habe man sich jedoch darauf verständigt, die Debatte um dessen Führungsstil den zuständigen Gremien zu überlassen.

SPÖ-Mediensprecher Jörg Leichtfried sieht große Herausforderungen auf das künftige Führungsteam des ORF zukommen. „Nachdem die Bestellung von Generaldirektor Weißmann leider nach dem bekannten Muster türkiser Hinterzimmer-Politik abgelaufen ist, muss der designierte Generaldirektor mit seinem Team jetzt beweisen, dass für ihn die journalistische Unabhängigkeit des ORF an erster Stelle steht“, wurde Leichtfried in einer Aussendung zitiert. Es brauche ein stärkeres Redaktionsstatut, der ORF müsse im digitalen Zeitalter ankommen und neben einer starken regionalen Verankerung auch eine deutlich europäischere Ausrichtung haben, forderte der SPÖ-Mediensprecher.

Kritik am Bestellungsvorgang kam bereits am Donnerstagvormittag von den NEOS. „Die Art und Weise, wie die neuen Direktorinnen und Direktoren ernannt werden, bleibt weiterhin höchst kritikwürdig, intransparent und von parteipolitischen Interessen geprägt“, wurde NEOS-Mediensprecherin Henrike Brandstötter in einer Aussendung zitiert. Sie fordert eine Abschaffung des im ORF-Gesetz vorgesehenen Anhörungsrechts der Landeshauptleute für die jeweiligen Landesdirektoren. Dieses sei in Wahrheit ein „Ernennungsrecht“.

Bei den zentralen Direktorenposten beträgt der Frauenanteil künftig 75 statt bisher 50 Prozent, wobei Weißmann die unter dem amtierenden ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz eingeführte Direktionsstruktur beibehält. Eine Anpassung hat er in den Raum gestellt. Ausschlag könnte etwa der Abschluss der Besiedelung des derzeit in Bau befindlichen multimedialen Newsroom geben. Im Zuge dessen übersiedeln auch die für das Radio beschäftigten ORF-Mitarbeitenden auf den Küniglberg.

Wrabetz, der noch bis des Jahres als Generaldirektor das größte Medienunternehmen des Landes führt, will die zahlreichen teils gewichtigen Führungspositionen im multimedialen Newsroom noch heuer besetzen. Dabei soll es zu einer Abstimmung mit Weißmann kommen - wie auch bei der im Herbst fälligen Neufestsetzung der GIS-Gebühren und Gesprächen für eine ORF-Gesetzesnovelle.


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