Josefstadt widmet sich Saramagos „Stadt der Blinden“

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Epidemien und deren dramatische Auswirkungen auf die Gesellschaft sind in der Weltliteratur ein gern aufgegriffenes Motiv. Wie nah diese erdachten Szenarien an die Realität heranreichen - und wie bedrohlich überzeichnet sie zugleich sein können - demonstriert das Theater in der Josefstadt nun mit Stephanie Mohrs Inszenierung von José Saramagos Roman „Die Stadt der Blinden“, die am Donnerstag zur Uraufführung kam. Ein packender, auf seinen drastischen Kern reduzierter Abend.

Die Handlung rund um eine rasant erblindende Bevölkerung einer nicht näher verorteten Stadt und das Schicksal einer kleinen Gruppe rund um den Patienten Null ist nicht nur den zahlreichen Lesern des 1995 erschienenen Romans bestens bekannt, sondern fand auch durch die Verfilmung von Fernando Meirelles mit Julianne Moore und Mark Ruffalo im Jahr 2008 zum Kinopublikum. Für die Josefstadt hat Thomas Jonigk nun eine Theaterfassung geschaffen, die durch zahlreiche Mehrfachbesetzungen und erzählende Chorpassagen ein vielschichtiges Bild einer Ausnahmesituation zeigt, die in ihren Anfängen nicht allzu weit von jenen Erlebnissen entfernt ist, die die Coronapandemie in den vergangenen eineinhalb Jahren mit sich gebracht hat. Sie zeigt aber auch, wie weit die Reise im Extremfall auch gehen kann, wenn Gesetze nicht mehr greifen und Populismus stärker ist als die viel zitierte „Verantwortung“ seitens politischer Entscheidungsträger.

Auch diese „Stadt der Blinden“ startet an einer Straßenkreuzung, an der Patient Null aus dem Nichts heraus erblindet. Im stark reduzierten Bühnenbild von Miriam Busch ist es lediglich eine große Ampel, die über der Szene schwebt und im Moment der Erblindung von Rot und Grün auf dreifaches Weiß schaltet. Auch den Übergang zwischen einzelnen Szenen dominiert ein helles Gleißen, das das Publikum in Form einer immer wieder aufflackernden Neon-Einfassung des Bühnenportals hart blendet. Und so findet sich in der ersten Szene bereits jene kleine Gruppe zusammen, die in den folgenden zwei Stunden und 20 Minuten beim Überlebenskampf beobachtet wird.

In deren Zentrum steht mit Sandra Cervik die einzige Person, die bis zum Ende ihr Augenlicht behalten und so zur Retterin jener wird, die sich beim ersten Blinden (Roman Schmelzer) angesteckt hat. Sie begleitet ihren Mann, den Augenarzt (Ulrich Reinthaller), durch das Vorschützen einer Erblindung in die von der Politik aus dem Boden gestampfte Quarantänestation in einer ehemaligen Nervenheilanstalt, die von Soldaten in - mittlerweile allzu gut bekannten - weißen Schutzanzügen bewacht wird. Dort treffen sie auf Patient Null und dessen Ehefrau (Maria Ebm), die Frau mit dunkler Brille (Marlene Hauser) und jenen Mann (Raphael von Bargen), der Patient Null nach der Erblindung nach Hause begleitet und dann dessen Auto gestohlen hat. Selbst in dieser kleinen, hilflosen Gruppe kommt es bald zum ersten sexuellen Übergriff und in Folge zu einem ersten Mord durch die Soldaten.

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Nach der Rede eines selbstgerechten Ministers im Slim-Fit-Anzug (herrlich: Julian Valerio Rehrl) fahren drei Wände aus dem Schnürboden, die den Isolierten fortan ihre Grenzen aufzeigen. Kontakt zur Außenwelt haben sie nur mehr durch von der Decke hängende Retro-Lautsprecher. Aus diesen dringen Sätze, die angesichts der realen Coronasituation schaudern lassen: „Die Regierung ist sich ihrer Verantwortung bewusst und hofft, dass die, an die sie diese Botschaft richtet, ebenfalls als pflichtbewusste Bürgerinnen und Bürger die Verantwortung übernehmen, die ihnen zukommt, eingedenk der Tatsache, dass die Isolierung, in der sie sich augenblicklich befinden, ein Akt der Solidarität gegenüber dem Rest der nationalen Gemeinschaft ist.“ Es ist eine der vielen Textzeilen, die im (nicht ganz voll besetzten) Theatersaal zu spontanen - wenn auch erstickten - Lachern führen.

Doch auch der Rest der Bevölkerung erblindet zusehends und das Zusammenleben in der Isolation gerät so weit außer Kontrolle, dass die Frauen bald gezwungen werden, sich für die Nahrungslieferung zu prostituieren. Erst, als ein Brand die Möglichkeit zur Flucht bietet, schwingt sich die nicht erblindete Frau auf und führt ihre Gruppe in die Stadt, wo sie in Konkurrenz zu anderen obdachlos gewordenen Blinden um die letzten Essensreste kämpfen muss. Durch das eindringliche Spiel aller zehn Schauspieler, die insgesamt rund 30 verschiedene (Klein-)Rollen zum Leben erwecken, werden auch die erniedrigendsten und gefährlichsten Situationen derart plausibel, dass man sich dabei erwischt, sich über den bisher moderaten Verlauf der Coronapandemie zu freuen.

Durch rasche Kostümwechsel (Nini von Selzam legt viel Wert auf Details), berührende Kürzest-Szenen wie jene zwischen Cervik und dem Schriftsteller (von Bargen) oder der Annäherung zwischen der Frau mit dunkler Brille und dem Alten Mann (Peter Scholz) sowie behutsamen Einsatz von Livemusik (von Bargen spielt Posaune und ein Fantasiestreichinstrument) entstehen viele berührende Momente, die individuelle Dramen greifbar machen. So gelingt es Mohr und dem spielfreudigen Ensemble, einen ergreifenden, aber nie kitschigen Theaterabend auf die Bühne zu bringen, der auch als Mahnung dienen kann, das Wort Solidarität besser ernst zu nehmen.

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