„Mädchen wie die“: Mobbing-Albtraum im Burgtheaterstudio

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Noch aus der Schulzeit wissen viele, wie schnell sich Gruppendynamiken bilden, die einzelne ausschließen. Mit „Mädchen wie diese“ prangert das Burgtheaterstudio digitales und analoges Mobbing an und zeigt, wie gemein Mädchen sein können. Die Premiere der Inszenierung für Jugendliche ab 12 Jahren eröffnete die neue Saison am Freitag; die folgenden Eindrücke stammen aus der Generalprobe.

Die fünf Mädchen auf der Bühne des Vestibüls waren vielleicht einmal Freundinnen. Für eine von ihnen ist das definitiv vorbei, seit ein Nacktfoto von ihr auf den Handys die Runden macht. „Die“ in „Mädchen wie die“ ist wohl eine, von der man sich gerne abgrenzt. Für die pubertierende Gruppe ist es Scarlett, die nun jeder nackt gesehen hat (Ines Maria Winklhofer). Für Scarlett ist es jede der vier anderen (Nele Christoph, Aila Franken, Katharina Rose und Pia Zimmermann), die sie deshalb unerbittlich mobben. Scarlett ist nun eine Außenseiterin, eine Schlampe, eine Fickmatratze und noch einige andere fantasievolle Begriffe.

Die erste Premiere dieser Saison des Burgtheaterstudios ist eine Kooperation mit dem Max Reinhardt-Seminar, die Schauspielerinnen sind Studentinnen, auch Regisseurin Mira Stadler hat an der Wiener Schauspielschule studiert. Der Text des Stücks kommt bei Jugendlichen sicherlich gut an: voller prägnanter Stellen und ohne Angst vor dem, was ihre Lehrer wohl Vulgärsprache nennen würden. Die hastige Aussprache des Texts fällt den Schauspielerinnen allerdings nicht leicht, das eine oder andere Mal stolpern sie bei der Generalprobe noch über die Zeilen. Allesamt überzeugen sie jedoch als Mobberinnen, auf die man als Zuseher richtig wütend wird, sowie als machtloses Opfer, mit dem man mitleidet.

Schließlich wird auch von einem Burschen ein Nacktfoto veröffentlicht. Im Gegensatz zu Scarlett wird er in den Augen seiner Mitschüler nicht zur Schlampe - es gibt auch kaum ein männliches Pendant zu dem Wort. Während Scarlett wegen ihrer Behaarung und ihrer Brüste, die der einen zu groß und der anderen zu klein sind, gehänselt wird, bekommt der Junge für seinen Körper Lob.

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Sexismus wird denn auch laut ausgesprochen und nicht nur angedeutet, und zwar von den Mädchen selbst. Mädchen und Jungen seien eben anders, bei den Jungen sei so etwas normal. Und später, noch konkreter: Als Mädchen könne man entweder prüde oder eine Schlampe sein, aber nichts dazwischen. Eine Denkweise, die auch im Jahr 2021 noch verbreitet ist und die die jungen Mädchen auf der Bühne, aber auch im Publikum selbstkritisch und unsicher macht.

Offiziell geht es auf dieser silbergefärbten Bühne um Cybermobbing, die richtig schmerzhaften Aktionen finden aber nach wie vor in der Schule statt. Am Ende lässt der Text des kanadisch-britischen Autors Evan Placey seine Protagonistin weiterleben - zum Glück. Kurz sieht es nämlich so aus, als könnten die Mädchen Scarlett in den Selbstmord getrieben haben. Mobbing ist aber nicht nur schlimm, wenn es am Schluss Tote gibt. Es bleibt zu hoffen, dass die aufwühlende Inszenierung die jungen Zuseher nachhaltig beeinflusst.

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