„Testo Junkie“: Queere Kapitalismuskritik im Wiener Werk X

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Was ist ein „Testo Junkie“? Jemand, der Testosteron nicht wegen medizinischen Indikationen oder zur Unterstützung einer Geschlechtsumwandlung anwendet, sondern als Aufputschmittel. „Testosteron ist Produktion von Macht“, aber ohne den darauf folgenden Absturz wie bei anderen Drogen. Danach kann man süchtig werden. Und davon erzählt ein außergewöhnlicher Abend im Werk X, der einen „Mix aus Theorien, Molekülen und Affekten“ präsentiert. Am Freitag war die gefeierte Premiere.

Der 1970 geborene und heute in Paris lebende spanische Philosoph Paul B. Preciado ist einer der Stars der gegen eingefahrene Geschlechterzuschreibungen kämpfenden Szene, ein Vordenker, der Queerness- und Gender-Theorien mit grundlegender Kapitalismuskritik verbindet. Als Beatriz geboren, ließ er 2010 seinen Namen in Paul ändern. Da war sein Buch „Testo junkie. Sex, Drogen und Biopolitik in der Ära der Pharmapornographie“ schon erschienen, in dem er proklamierte: „Ich will mich nicht in einen Mann verwandeln.“ Er kämpfe für nicht-binäre, offene, grundlegend andere Zuschreibungen von Sexualität und ein anderes Verhältnis von Körper und Gesellschaft, so Preciado.

Der derzeit laufende steirische herbst hat Preciado dafür gewonnen, den Grazerinnen und Grazer einen Brief zu schreiben: Sein Text „An alle, die ich lieben werde“, ruft zum Wandel auf, zum Widerstand gegen die herrschenden Verhältnisse, die von den Mächtigen als nicht veränderbar dargestellt werden. „Sie sagen Krise, wir sagen Revolution“, hieß es gestern im Werk X am Ende eines furiosen Monologs von Christoph Rothenbuchner. Dafür gab es Szenenapplaus.

Rothenbuchner ist neben Bettina Schwarz und den beiden ehemaligen Volkstheater-Ensemblemitgliedern Birgit Stöger und Thomas Frank dazu angetreten, in Preciados Theorien einzuführen. Christine Eder, für die „Proletenpassion 2015ff.“ mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnet und Spezialistin für theatrale Aufbereitungen sperriger Themen („Verteidigung der Demokratie“ rückte die österreichische Bundesverfassung ins Zentrum, „Schuld & Söhne“ die Klimakrise) hat eine Textfassung von „Testo Junkie“ erstellt. Das Darstellerquartett, das von Lara Sienczak in Videoeinspielungen unterstützt wird, bewegt sich in einer von Monika Rovan auf eine Molekülgrafik aufgebauten Wohnlandschaft mit großem, runden Bett im Zentrum und richtet sich meist direkt ans Publikum.

Der weitgehende Verzicht auf Dialoge und Handlung und das Fehlen von zwischen den Figuren ausgetragenen Widersprüchen ist nicht gerade bühnentauglich - doch Preciados Monologe bergen genügend innere Konflikte und radikal-oppositionelle Positionen, dass einem in den 90 Minuten des Abends nie langweilig wird. „Ich bin in einer politischen Falle. Das Problem ist nur, dass die Falle die Form meines Körpers hat“, heißt es einmal. Mit jeder Menge Testosterongel und einigen Dildos wird versucht, dieser Falle zu entkommen. Das kann mitunter auch komisch wirken, nicht nur beim Hantieren mit überdimensionalen Gummischwänzen, sondern auch bei der Konstatierung von Rückschlägen: „Unter meiner Haut schlummert das Monster des weiblichen Kulturprogramms!“

Ein spannender Abend, mit dem das Werk X erneut einen wichtigen Beitrag zu laufenden gesellschaftlichen Debatten leistet. Erstaunlich, dass vorläufig bloß eine einzige weitere Aufführung davon annonciert ist. Nämlich heute. So rasch dürfte der Kampf gegen heteronormative Unterdrückung dann doch nicht geworden werden.

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