Viel Rauch und etwas Feuer: Castorfs Handke-Inszenierung

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Mit viereinviertel Stunden Spieldauer war die dritte Inszenierung des Handke-Stückes „Zdenĕk Adamec“ gestern im Burgtheater mehr als doppelt so lang wie die Uraufführung von Friederike Heller in Salzburg und die Deutsche Erstaufführung durch Jossi Wieler in Berlin. Originaltext gab es dagegen geschätzt die Hälfte. Frank Castorf, der sich zwei Wochen nach Elfriede Jelinek des zweiten österreichischen Literaturnobelpreisträgers angenommen hatte, lieferte das Erwartete ab.

Handke erinnert in seiner „Szene“ an einen jungen Tschechen, der sich 18-jährig im Jahr 2003 am Prager Wenzelsplatz verbrannte. In seinem im Programmheft abgedruckten Abschiedsbrief verwies er auf Jan Pallach, der sich 1968 dort mit Benzin übergoss und anzündete, und proklamierte einen neuen Kampf: nicht mehr gegen den Kommunismus, sondern gegen Kapitalismus und Korruption. „Die ganze Welt ist bereits von Geld dominiert und verdorben. Es ist noch nicht zu spät, um sie zu retten, aber wenn wir so weitermachen, werden wir alle entweder an der schmutzigen Luft ersticken oder in einem Krieg getötet werden“, schrieb er. „Ich bin ein weiteres Opfer des sogenannten demokratischen Systems, in dem nicht Menschen entscheiden, sondern Geld und Macht.“ Seine Tat fand weitere jugendliche Nachahmer, wurde jedoch von der tschechischen Politik als Akt eines Unzurechnungsfähigen marginalisiert. Adamec hatte es vorausgeahnt: „Bitte, macht keinen Irren aus mir!“

Handke lässt ohne Rollenzuschreibungen eine unbestimmte Anzahl von „Feierabendleuten“ an Zdenĕk Adamec und seine Tat erinnern. Der Schauplatz ist unkonkret, „möglicherweise ein ehemaliges Klosterrefektorium in der spanischen Provinz Avila, oder wo, oder der Kleinstadt-Tanz-und-Festsaal, mit einer (leeren) Thekenecke, von Humpolec, in Böhmen, oder wo“. Für die Uraufführung wurde im Vorjahr im Salzburger Landestheater ein Kunstraum kreiert, im Deutschen Theater Berlin diente wenige Monate später eine Art Pilgerraststätte als Schauplatz. Im Burgtheater trifft nun Bühnenbildner Aleksandar Denić die Atmosphäre der von Handke so geliebten Un-Orte an den städtischen Peripherien, in denen für kurze Zeit ganz unterschiedliche Menschen ein Gemeinschaftsgefühl entwickeln können, am besten. Aus Wellblech und Holzzäunen hat er einen heruntergekommenen Busbahnhof gebaut, neben dem sich ein Hinterhoflokal mit grün angestrichener Laube und Außendusche befindet.

Die Aufschrift „Bushaltestelle“ ist auf Tschechisch, die beiden großen Zigarettenreklametafeln werben jedoch für eine bosnische und eine serbische Zigarettenmarke. Die eigentlich zwischen Prag und Brünn gelegene Kleinstadt Humpolec, aus der Zdenĕk Adamec stammt, könnte auch am Balkan liegen oder anderswo. Handke erinnert in seinem Text an die großen Leuchtreklamen internationaler Konzerne am Wenzelsplatz, die den jungen Mann im letzten Augenblick vor seiner Tat darin bestärkten, das Richtige zu tun. Am Burgtheater wird daraus ein großer, höhnisch wirkender Kommentar des mächtigen, unangreifbaren Systems: Das größte Billboard trägt die Aufschrift „Let‘s start burning“. Es zeigt eine vor lodernden Flammen laufende Sportlerin und wirbt für „a free workout“.

Die in Humpolec regierende Provinz-Trostlosigkeit des ehemaligen Ostblocks kenne er aus eigenem Erleben nur zu gut, hatte Castorf im APA-Interview erzählt, und die ersten zwei Stunden seines Handke-Debüts verwendet er vor allem darauf, abwechslungsreich und selbstironisch mit sieben Schauspielerinnen und Schauspielern diese Tristesse zu zelebrieren. Ein Video eines Autocrossrennens in Humpolec illustriert die Höhepunkte der dortigen Freizeitvergnügens, immerhin wird auf einem Plakat ein Auftritt von David Guetta angekündigt.

Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Florian Teichtmeister, Mehmet Atesci, Marcel Heuperman und Marie-Luise Stockinger (die letzten drei sind auch in Castorfs Jelinek-Inszenierung mit dabei) bilden eine wunderbare Clique, die einander bei ihren realen Vornamen anspricht und gelegentlich aus der Rolle fällt. Es gibt viel darstellerische Interaktion und weniger Geschrei als üblich. Gerne schaut man zu, wie die Sieben die Zeit totschlagen, etwa mit dem Spiel „Sieben Personen suchen einen Autor“. Doch kein Bus wird kommen. Nein, einer hält. Doch in den Blutspendebus - auch „Impfspendebus“ genannt - steigt niemand ein. Dann singt Georg Danzer, dem Castorf gerne ebenfalls den Literaturnobelpreis verleihen würde, von der Freiheit, die sofort verschwindet, wenn man sie in einen Käfig sperrt. Und auf der alten, verwitterten Spielstandsanzeige des AFC Humpolec steht es nach zwei Stunden 0:0.

Nach der Pause beginnt sich der Abend zu ziehen. Nun beschäftigt sich Castorf mehr mit den Beweggründen der Verzweiflungstat, nun gäbe es genug Möglichkeit, bei der bitteren Kritik an einem System einzuhaken, das Zdenĕk Adamec in den Tod getrieben hat. Doch ausgerechnet während jener Passagen, in denen dieser selbst zu Wort kommt und Franz Pätzold zu seinem Sprachrohr wird, lässt Castorf auf die wie immer vielfach im Einsatz stehende Videoleinwand Filmausschnitte projizieren. Zu sehen ist der nach einer Atomkatastrophe spielende tschechische Schwarz-Weiß-Film „Ende August im Hotel Ozon“ von Jan Schmidt aus 1967. Es sind rätselhafte Bilder einer postapokalyptischen Welt, die natürlich die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Auch mit dem Feuer spielt Castorf: Einmal geht ein Mann mit brennendem Mantel über die Bühne und wird auf der Seitenbühne mit Feuerlöschern erwartet. Angesichts der realen Selbstverbrennung, auf die sich das Stück bezieht, ist man nicht sicher, ob dieses Theatermittel die richtige Wahl oder schlicht pietätlos ist.

An Ideen ist Castorf nie verlegen, und auch diesmal spielen die Schauspieler lustvoll damit, dass es noch endlos so weitergehen könnte. Es gibt jede Menge schöne Schlussbilder. Auf ein Leintuch wird wie ein Demoslogan auf Tschechisch „Bitte mach mich nicht verrückt“ geschrieben; das Ensemble singt „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ und wird anschließend im Regen stehen gelassen; ein paar Videobilder zeigen das reale Humpolec von heute als nettes, unaufregendes Städtchen; Mavie Hörbiger spricht den letzten originalen Handke-Satz und Mehmet Atesci reagiert schreiend: „Nein, ich mache weiter!“; das Ensemble skandiert gemeinsam den Zungenbrecher „strc prst skrz krk“ (Steck deinen Finger in den Hals) und macht das Ganze „noch einmal, nur viel langsamer“. Was glücklicherweise nicht für die ganze Vorstellung gilt. Langer, jubelnder, von Bravorufen durchsetzter Applaus.

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