Umjubelter Saisonauftakt im Theater an der Wien

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Robert Carsen ist eine Zumutung - für andere Opernregisseure. Der 67-jährige Kanadier veredelt Stoffe, die viele andere Kollegen links liegenlassen. Wer traut sich sonst schon zu, ein Werk der Spätrenaissance, das die Hinwendung des Menschen zu Gott preist, zu inszenieren? Und wer könnte aus dieser „Rappresentatione di anima et di corpo“ des Jahres 1600 solch einen ästhetischen und poetischen Abend schaffen, wie Carsen zur Saisoneröffnung im Theater an der Wien am Sonntag?

Nachdem der Regisseur zuletzt bei den Salzburger Pfingstfestspielen Händels Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“ inszeniert hatte, ist es nun das - momentan - älteste bekannte Werk der Operngeschichte, geschrieben von Emilio de‘ Cavalieri (1550 bis 1602), einstmals zuständig für die Feste am Medici-Hof, für das „Heilige Jahr“ 1600 in Rom. Bei seinem sieben Jahre vor Claudio Monteverdis „Orfeo“ entstandenen Werk handelt es sich dabei nicht dezidiert um eine Oper, sondern eher um deren Urahn, in dem noch vieles an mittelalterliche Mysterienspiele und Oratorien gemahnt. Musiktheater im ureigentlichen Sinne.

So steht neben den Chorpassagen die einfache Begleitung der Singstimmen im Fokus, die beinahe wie im Accompagnato-Rezitativ geführt sind und ohne Koloraturen vornehmlich auf die Textverständlichkeit abzielen. Schließlich behandelt das Libretto auch gewaltige Themen. So ist „Rappresentatione di anima et di corpo“ ein Stück, das die universelle Sinnfrage stellt: Was ist ein gutes Leben?

Alles beginnt in einem Nicht-Raum, in dem sich anstatt der Vorrede von Um- und Einsicht alle Akteure einfinden und darüber diskutieren, ob es eines eigentlich nicht vorgesehenen Prologs für das heute unverständliche Stück bedürfe. Ein streitloser Turmbau zu Babel in verschiedenen Sprachen, aus dem sich schließlich die Mahnung der Zeit (Georg Nigl) als erste Arie erhebt.

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In Folge begeben sich die Seele („Anima“) und der Körper („Corpo“) auf eine Erkenntnisreise. Carsen positioniert Anett Fritsch (Anima) und Daniel Schmutzhard (Corpo) als hübsches Paar im Jeansoutfit, das wie Janet und Brad aus der „Rocky Horror Picture Show“ mit großen Augen durch die Versuchungen der Welt wandelt. Die Seele strebt zu Gott, der Körper - eher Bauchmensch - will Lust und weltliche Freuden.

Auf ihrer allegorischen Tour begegnen sie allerlei personifizierten Wegweisern im menschlichen Leben wie dem Verstand (Cyril Auvity), dem Guten Rat (gespielt von Bühnenurviech Florian Boesch) oder dem androgynen Schutzengel (beeindruckend gesungen vom TaW-Debütanten und Counter Carlo Vistoli). Carsen setzt dabei auf eine reduzierte Bühnenausstattung, die im Wesentlichen über Lichtimpulse und ein strenges Farbkonzept funktioniert, das die einzelnen Gruppen bis zur Apotheose von Anima und Corpo scheidet, nach der dann alle bei der beschließenden Lobpreisung eine Fête Blanche wie auf der Raffaelloinsel feiern.

Als Ordnungssysteme bis dahin positioniert die Inszenierung den Arnold Schoenberg Chor, der wieder einmal im physischen Dauereinsatz nicht nur seine herausragenden gesanglichen Fähigkeiten unter Beweis stellen kann, sondern auch seine schauspielerischen. Hinzu kommt eine untergemischte Gruppe an Tänzerinnen und Tänzern, die den Reigen zusätzlich dynamisiert.

Hierbei ergibt sich ein eingespieltes Geben und Nehmen zwischen Bühne und Graben, wo Giovanni Antonini und sein Ensemble Il Giardino Armonico, legendäre Vorreiter der Originalklangbewegung, das Zepter führten. Wie immer zupackend gestalten sie Cavalieris Musik, wenn auch mit einigen Präzisionsschwächen bei den Bläsern.

Der Weisheit letzter Schluss? Carsen schafft auch für „Rappresentatione di anima et di corpo“ Allegorien, Sinnbilder, die anders als etwa beim italienischen Kollegen Romeo Castellucci selten erratisch sind, sondern handfester, meist mit einem Augenzwinkern daherkommen. Damit gelingt ihm das Kunststück, ein 421 Jahre altes, katholisches Moralwerk sowohl in seinem Wesenskern zu belassen als auch es für einen Menschen des 21. Jahrhunderts zugänglich zu gestalten.

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