Dolores Schmidinger feiert ihren 75er mit neuem Buch

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Erika Pluhar ist 82, Dolores Schmidinger wird heute, Dienstag, 75. Die beiden Wiener Schauspielerinnen absolvierten ganz unterschiedliche Karrieren und haben doch Gemeinsamkeiten. Eine davon ist, dass sie jüngst Bücher vorgelegt haben, in denen sie Rückschau halten. In „Hannerl und ihr zu klein geratener Prinz“ ist die Protagonistin Schmidingers Mutter, während die Hauptfigur in Pluhars „Hedwig heißt man doch nicht mehr“ mit 51 in die von der Großmutter geerbte Wohnung zieht.

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„Hannerl und ihr zu klein geratener Prinz“

Bis in die niederösterreichische Gemeinde Maissau des Jahres 1913 reicht Dorores Schmidingers Blick in die eigene Familiengeschichte zurück. Die 23-jährige Weinbauern-Tochter Barbara wird beim Perchtenlauf von einem Burschen vergewaltigt. Als sie schwanger wird, nötigt man den künftigen Kindsvater, einen Heiratsantrag zu machen - doch sie weist ihn zurück, bleibt lieber unabhängig und ledig. Ihr Kind, die kleine Johanna, lässt sie im Dorf bei ihrer Schwester zurück und geht als Pflegerin nach Steinhof, wo immer mehr in den Schützengräben des Weltkriegs Traumatisierte zu betreuen sind. Ein engagierter Parteigänger der Sozialisten heiratet Barbara, die kleine Hanni wird nach Wien geholt. Und fast jede entscheidende Etappe der Familiengeschichte kann mit einem Bild aus dem Fotoalbum belegt werden.

Dolores Schmidinger erzählt schnörkellos und bilderreich und bettet das Leben von Großmutter und Mutter in die heimische Zeitgeschichte ein. Wirtschaftskrise, Justizpalastbrand, der Februar 1934, die Vaterländische Front und der Aufstieg der Nationalsozialisten - niemand kann sich absentieren von den großen Umwälzungen, auch Hannerl nicht, die ein begabtes Kind ist, die Handelsschule besuchen darf, als Kanzleikraft arbeitet und sich gegen die Zudringlichkeiten der Chefs erwehren muss. Sie macht Karriere, „soweit das als Frau möglich ist“, und lernt einen Gewerkschafts-Kassier kennen, der als Erzieher im Kolping-Heim arbeitet. „Er ist um einige Zentimeter kleiner als sie und er ist sehr katholisch.“ Josef Schmidinger wird Hannerls „zu klein geratener Prinz“, als Operettensänger für die Truppenbetreuung entdeckt und Ensemblemitglied an zweiten und dritten Häusern im „Protektorat Böhmen und Mähren“ und in Deutschland. 1946 wird er Vater von Maria-Dolores. In ihren ersten Lebensjahren wird er sie sehr lieb haben. Viel zu sehr. Unvermittelt schlägt die Familiengeschichte in eine Missbrauchsgeschichte um, die einem auf den letzten Seiten des Buches den Atem raubt. Der Prinz wird wieder zum Frosch. Glücklicherweise können am Ende Mutter und Tochter über ihn lachen. Über ein Schreckgespenst, vor dem sich keiner wirklich fürchtet - weil es zu klein geraten ist.

(Dolores Schmidinger: „Hannerl und ihr zu klein geratener Prinz“, Kremayr & Scheriau, 160 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-218-01265-2)

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„Hedwig heißt man doch nicht mehr“

Erika Pluhars Hauptfigur Hedwig Pflüger wurde mit 12 Jahren Vollwaise. Ihre Eltern starben bei einem Eisenbahnunfall, ihre Großmutter nahm sie auf und wurde fortan ihre Bezugsperson und Erziehungsberechtigte. Mit 51 lebt Hedwig in Portugal, als sie die Nachricht erhält, dass ihre Oma, bei der sie sich die vergangenen Jahre nie gemeldet hatte, verstorben ist und sie zur Erbin jener Wohnung in der Schlösselgasse in Wien-Josefstadt gemacht hat, in der sie an ihrer Seite aufgewachsen war. Hedwig bricht ihre Zelte ab und zieht nach Wien. In der verstaubten Wohnung kommen sofort viele Erinnerungen hoch. Von schlechtem Gewissen getrieben, setzt sich die ehemalige Publizistikstudentin, die später einige Jahre in Deutschland als Journalistin gearbeitet hatte, an den Laptop, um sich an die Verstorbene zu wenden.

„Eine Lebensgeschichte“ heißt der wie Pluhars bisherige Bücher von einem sanft melancholischen Grundton getragene Roman im Untertitel, und es ist Hedwigs eigene Geschichte, die sie - in langen, kursiv gesetzten Textpassagen - ihrer Großmutter erzählt. Es ist eine Geschichte, in der das Lebensglück nie dauerhaft Fuß fassen konnte, in der Lebensgefährten kommen und gehen und Hedwig ihre bewusste Abwendung von der Oma, für die ihre Enkelin ihr ein und alles war, im Rückblick kaum erklärbar scheint. Während sich Hedwig nun in Wien vom Rest ihrer Familie bewusst fernhält, macht sie in der Pizzeria ums Eck, in der sie immer wieder essen geht, die Bekanntschaft eines Mannes, der höflich, aber hartnäckig, ihr Vertrauen und schließlich ihre Zuneigung gewinnt.

(Erika Pluhar: „Hedwig heißt man doch nicht mehr“, Residenz Verlag, 320 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-7017-1749-1)


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