Hochaktueller „Schwanensee“ im Festspielhaus St. Pölten

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Fulminanter Einstieg in die 25-Jahre-Jubiläumssaison am Festspielhaus St. Pölten, zugleich ins letzte Jahr von Brigitte Fürles Intendanz: Am Samstagabend ist die Österreich-Premiere von Pjotr Iljitsch Tschaikowskis „Schwanensee“ in der packenden Neuinterpretation von Angelin Preljocaj bejubelt worden.

Das romantische Märchen mutiert - ohne Schaden zu nehmen, ganz im Gegenteil - zu einem modernen, zeitkritischen Stück. Preljocaj hat eine eigene musikalische Dramaturgie erarbeitet, die nicht nur Ausschnitte aus anderen Werken Tschaikowskis beinhaltet, sondern auch zeitgenössische Intermezzi, etwa wenn die Society zu abgefahrenem Elektro-Funk abtanzt. Rothbart ist hier ein übler Spekulant, und wie an den beeindruckenden Hintergrundvideos in Schwarz-Weiß zu erkennen ist, spielt das Geschehen in einem zusehends unmenschlichen Ambiente aus Wolkenkratzern und Industrieanlagen.

Doch es gibt sie noch, die weißen Schwäne, von Preljocaj mit liebevoller Ironie gezeichnet, etwa im köstlichen Pas de quatre, auch der Poesie wird gebührend Raum gegeben. Beeindruckend ist der Kontrast zur schwarzen Welt, die sich in ihren Bewegungen outet: seelenlos in ihren virtuos antrainierten Fake-Gefühlen, dazu die Brutalität der faschistoiden Herren im Ledermantel. Am Ende ist der See vergiftet, die Schwäne sterben.

Dieser „Schwanensee“ stellt ein starkes Statement zu heutigen Themen wie bedrohte Umwelt, mafiöse Politstrukturen oder sexuelle Gewalt dar, ohne auch nur eine Sekunde lang lehrhaft-missionarisch zu wirken. Da ist schon die unglaubliche Perfektion vor, die atemberaubende tänzerische Ausdrucksvielfalt, die professionelle Lichtregie und ein stimmiges Gesamtkonzept, das auf ästhetischen Grundlagen aufbaut. „Auf den historischen Fundamenten eine neue Stadt errichten“, wollte Preljocaj. Ein idealer Stadtplaner: Es ist ihm gelungen, Altes und Neues bruchlos zu verbinden und dabei dem Ballettklassiker auf faszinierende Weise aktuelle Brisanz einzuhauchen.

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