Komödiantenkunst pur: Ein neuer „Barbiere“ an der Staatsoper

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„Heute Oper bunt“ leuchtet es in Neonlettern von der Staatsopernfassade. Und tatsächlich: Am Dienstagabend feierte am Ring ein neuer „Barbiere di Siviglia“ Premiere - in einer Regie von Slapstickspezialist Herbert Fritsch, die mit Farben und Frisuren als einzige Requisiten auskommt. Komödiantenkunst pur wird aus dem Ensemble gekitzelt, ein flotter, farbenfroher Rossini tönt beim Hausdebüt von Dirigent Michele Mariotti aus dem Graben. Große Heiterkeit, viele Hits, Oper bunt.

Spielen und Singen, darauf beschränkt sich Herbert Fritsch, der für seine körperlichen, ins Groteske expressiven Inszenierungen so etwas wie Kultstatus erreicht hat. Dass der langjährige deutsche Schauspieler zwischen Sprech- und Musiktheater keinen Unterschied macht und in jedem Bühnenmenschen, ob Koloraturmezzo oder Bassbösewicht, höchst individuelle Komiker zu entdecken weiß, kommt ihm bei der Rossini-“Commedia“ gerade recht. Die musikalische Hitschleuder mit dem einfältigen Verkleidungsplot lässt er in einem schwindelerregenden Kabinett aus niemals stillstehenden Farbwänden spielen - grell ist das und ziemlich sinnfrei, ein dadaistisches Drehen am Kaleidoskop, einfach so. Vor diesem Hintergrund entspinnt sich die Regie in einer Zone zwischen wohlüberlegter Überzeichnung und gut gelauntem Schwachsinn - und hat dabei offenbar gar nicht die Absicht, deutend - oder gar: bedeutend - zu sein.

In Jubelstimmung schon am frühen Abend ließ sich das Premierenpublikum von Etienne Dupuis in der Titelrolle verführen, ein entzückender Figaro, frech, eitel, milde, witzig in jeder Regung und stimmlich bestens disponiert. Auch für den selbstironischen Strahlegraf Juan Diego Florez, der auch abseits lächerlicher Verkleidungen humoresk zu punkten wusste und sich nach einer kurzen Anlaufphase zu gewohntem Tenorschmalz aufschwang, gab es einen Teppich von Zwischenapplaus. Als Rosina feierte Vasilisa Berzhanskaya ihr Debüt am Ring und führte bei eher verhaltener Darstellung ihren wuchtigen, aber fein konturierten Mezzo vor, den man nicht unbedingt einer Rosina zugeschrieben hätte, davon abgesehen aber gerne wiederhören möchte. Mit dem sonst so sonor-seriösen Ildar Abdrazakov als genussvoll outriertem Basilio gab es einen Überraschungshit, ebenso mit Paolo Bordogna, der den Bartolo als herrlichen, traurigen, bösen, singenden Clown anlegte.

Debüts gab es neben dem Sängerensemble auch von Ruth Brauer-Kvam, in Wien freilich vom Theater wohlbekannt, hier als Diener Ambrogio mit einem ausdruckstänzerischem Kommentar auf das Geschehen betraut, ein Avatar, der dem Publikum beim Schauen und den Protagonisten beim Ausdrücken ihrer Gefühle helfen soll, sowie von Dirigent Michele Mariotti. Der Italiener, der ab der nächsten Spielzeit Musikdirektor in Rom sein wird, ist Rossini-Kenner und -Könner, strafft die Tempi in den Rezitativen ins skurril Unaussprechliche und bringt mit dem Staatsopernorchester ein höchst plastisches Erlebnis zustande, farbstrotzend und dabei zwischen Holz, Streichern und Gesang staunenswert balanciert. In den abschließenden Jubel mischten sich beim Dirigat, vor allem aber bei der Regie auch einige Buhrufer. Wahrscheinlich trieben sie es ihnen zu bunt.

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