Staatsballett startet Saison mit wuchtigem „Requiem“

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Dem Tod mit Wucht entgegentreten und aufstehen, auch wenn er einen zu erdrücken droht: Das ist Martin Schläpfers Deutung des „Deutschen Requiems“, mit dem das Wiener Staatsballett am Donnerstag seine Saison in der Volksoper eröffnete. Mit dem säkularen Zugang zu einem sakralen Werk hat der seit dem Vorjahr amtierende Direktor dem Wiener Publikum seine wohl erfolgreichste Choreografie präsentiert - und eindrucksvoll unter Beweis gestellt, warum sie dies ist.

So ist das 2011 für das Ballett am Rhein entstandene Stück im tiefsten Wesenskern aus der Musik heraus zu verstehen, als Materialisierung ihrer Farben und Rhythmen. Das 1869 geschriebene „Deutsche Requiem“ war von Johannes Brahms nicht als Messe für die Toten, sondern als ein Werk der Trauerarbeit für die Hinterbliebenen gedacht. Schläpfer geht noch einen Schritt weiter und formt einen Totentanz letztlich zur Feier des Lebens, die in einem hochästhetischen, monochromen Ambiente stattfindet.

Das Ensemble ist barfüßig und schwarz gekleidet, wobei sich die Dichotomie aus Hell und Dunkel bereits in den Kostümen der Damen spiegelt. Und diese Antipoden finden sich denn auch in der Choreografie selbst, sind die Tänzer doch im Widerstreit zwischen himmelstrebendem Jauchzen und niederwerfender Trauer. Sprünge voller Kraft schaffen Momente voller Leichtigkeit, sind ein wildes Aufbäumen gegen das Unvermeidliche, den Tod. Immer wieder erheben sich zwei im Pas de deux über die Unbilden des irdischen Daseins. Dann wieder fällt man in sich zusammen, kriecht über den schwarzspiegelnden Boden, dessen Anziehungskraft übermenschliche Dimensionen angenommen zu haben scheint.

Auch die Duos changieren zwischen Kraft und Innigkeit, herausragend dabei Claudine Schoch, den rechten Fuß im Spitzenschuh, den linken nackt. Ein Mensch, der aus der Achse gekippt ist, dessen Leben auf der schiefen Bahn steht, und der dagegen kämpft. Ein einziges Mal misslingt Schläpfer diese Poesie des Bildes, wenn er männliche Tänzer zur Textzeile „und kommen mit Freuden“ in nahezu lächerliche, comicfilmhafte Bocksprünge treibt. Ansonsten dominiert der feine Pinselstrich. Die einzelnen Tänzer im Corps sind dabei immer wieder bewusst asynchron gesetzt, weichen in Nuancen voneinander ab. In der Trauerarbeit bleibt doch jeder für sich alleine. Nur selten herrscht unisono Einigkeit, bäumt sich die gesamte Menschheit und nicht das isolierte Individuum auf. Und immer wieder erstarren Hebe- und Haltefiguren, scheint die Welt stillzustehen.

Die endgültige Ruhe kehrt dann im 6. Satz während des Offenbarungs-Psalms ein, wenn das Ensemble sich sukzessive mit dem Rücken zum Publikum setzt, bevor im Halbdunkel der Epilog folgt. Am Ende hängen alle in den Seilen - im wahrsten Sinn des Wortes. So baumeln für das Schlussbild Seile von der Decke, die Haltegriff und loses Ende zugleich sind. Eine Verbindung nach oben, die nur jeder und jede selbst ergreifen kann.

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