Gemäldegalerie mit „Hungry for Time“ zurück am Schillerplatz

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Aufbrechen von Verkrustungen: So kann man den Anspruch des indischen Kuratoren-Trios „Raqs Media Collective“ bei der Gestaltung der Eröffnungsausstellung der Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste grob zusammenfassen. Unter dem Titel „Hungry for Time“ spricht man in den frisch renovierten Räumlichkeiten „eine Einladung zu epistemischem Ungehorsam“ aus, so der kryptische Untertitel. Zu sehen ist ein „Versuch, die Ordnungen des Wissens gegen den Strich zu lesen“.

So formulierte es Akademie-Rektor Johan F. Hartle am Donnerstag im Rahmen der Pressekonferenz anlässlich des Wiedereinzugs der Gemäldegalerie am Schillerplatz, die mit Sabine Folie ab Jänner auch eine neue Leitung erhält. Selbige wollte sich vor ihrem Amtsantritt noch nicht ausführlich zu ihren Plänen äußern, verwies aber auf ihr Interesse an zeitgenössischen Perspektiven auf historische Werke. Mit der Schau will Hartle „eine neue Ära der Gestaltung, Aneignung und Nutzung der historischen Sammlungen einleiten“. Von der Ausstellung zeigte er sich äußerst angetan. „Was wir uns versprochen haben, hat sich erfüllt.“ Schließlich sei es darum gegangen, „nicht nur alt und neu zusammenzubringen, sondern auch die Rahmungen des Wissens ein bisschen zu öffnen und durch andere praktische Horizonte zu konterkarieren“, so der Rektor. Auch die in die Schau integrierte „dekoloniale Perspektive“ sei ein strategisches Anliegen gewesen. „Wir wollen uns in der Ausstellung der Trennung von Raum und Zeit widmen“, erläuterte Monica Narula vom „Raqs Media Collective“.

Bedient hat sich das Kollektiv aus den Werken der Gemäldegalerie, des Kupferstichkabinetts und der Glyptothek, realisiert wurde ein multimedialer Parcours in insgesamt zehn Szenen, eingerahmt von einem Prolog und einem Epilog. Im Zentrum einer jeden Szene steht ein Werk aus der Sammlung, das mit zeitgenössischen Positionen interagiert. „Die erzählten Geschichten handeln von gebrochenen Gliedmaßen und deformierter Gerechtigkeit, von erblühenden Entwürfen zu Raum und Zeit, vom anmaßenden Versuch, der Sterblichkeit zu entrinnen, und von Sichtweisen darauf, wie Gesichter, Landschaften und Blicke eine Sammlung beinahe geisterhaft prägen“, heißt es in dem schmalen Booklet, das den Besucher mithilfe poetisch angehauchter Erzählungen durch die Ausstellung lotst.

Begrüßt wird die Besucherin im „Prolog“-Raum von einer überdimensionalen Fliege, Jan Fyts Ölgemälde „Wilde Katzen“(1630) und einem streunenden Nashorn, das vorgibt, die Residenz „on this History“ übernommen zu haben. An einer Wand findet sich Adriaen van Ostades „Der komische Vorleser in einer Bauernschenke“ (1630), der zweite dazugehörige Bildtext wurde vom „Raqs Media Collective“ mit einem gelben Streifen überklebt: „Vorleser (kämpft mit der Handlung)“ (2021). Direkt daneben hängt das Werk „Lockente“ von Josef Mikl (1980).

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Was folgt, sind verstörende, herausfordernde Szenen, die wohl mit dem Booklet und den spärlichen Wandtexten allein nicht in jenem Ausmaß dekodiert werden können, das sich das Kuratoren-Team wohl wünschen würde. So steht hier „Die Hexenweihe“ (1650) von David Teniers d.J. neben Dayanita Singhs Serie „Time Measures“ aus dem Jahr 2016, die an blutige Bettwäsche erinnert. Egon Schieles „Studie zu einem Portrait des Malers Albert Paris Gütersloh (ohne Kopf)“ (1918) wird einer großformatigen Maschinenstickerei von Lavanya Mani mit dem Titel „The Emperor‘s New Machine“ aus dem Jahr 2009 gegenübergestellt - hier fehlt gleich der gesamte menschliche Oberkörper und wird durch eine Nähmaschine ersetzt.

Das Thema Kolonialisierung und imperiale Machtansprüche wird in der besonders dichten „Szene IV“ beleuchtet, wo nicht nur ein Bildnis von Angelus Soliman zu sehen ist, das wie ein Mahnmal mitten im Weg platziert ist: Hier findet sich eine Serie von Arbeiten von Julie Edel Hardenberg, das aus langen Haaren in Holz- oder Glasrahmen hervorsticht. Im Booklet heißt es zu dieser Szene: „Kontakt mit ‚Fremdkörpern‘ löst Angst vor Ansteckung aus, eine unvermeidliche Konsequenz von Machtansprüchen und Expansion.“

Erst gegen Ende des Parcours, der in einem einzigen Besuch kaum zu bewältigen sein dürfte, stößt man schließlich auf Hieronymus Boschs Weltgerichts-Triptychon, das so ganz und gar nicht im gewohnten prunkvollen Ambiente präsentiert wird. Nicht nur, dass ein Flügel ganz und einer fast geschlossen ist - davor thront ein Kamera-Arm, der ein einziges Detail auf einen Bildschirm überträgt: einen Aal. Ansonsten finden sich auf einem silbernen Podest im Raum verteilte Matratzen, Tizians „Tarquinius und Lucretia“ an einer Wand und das Werk „Self-Defloration 2“ der Künstlerin Nilbar Güres aus dem Jahr 2006. Das Booklet weiß Rat: „Die Augenzeug_in der Geschichte ist auch Akteur_in der Entjungferung der Zeit“.

Parallel zu „Hungry for Time“ erwartet die Besucher in der gegenüberliegenden Exhibit Galerie die Schau „Thicket of Ideas - Thicket of Times“, in der Studierende der Akademie in Dialog mit dem „Raqs Media Collective“ treten. Im Exhibit Studio widmet sich die Ausstellung „Un Paradiso Amaro / Bitter Paradise“ der jüdischen Bildhauerin Teresa Feodorowna Ries. Am Eröffnungswochenende finden Führungen und Diskussionen zu den Ausstellungen statt.

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