„Die Nibelungen“ am Landestheater Linz: Lustiges Trauerspiel

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Treueschwüre und Ränkespiele, Bauernopfer und Königsmord, mithin also ein einziges Gezerre um Macht. Gestern, Samstag, war man versucht, „Die Nibelungen“ für das Stück der Stunde zu halten. Doch als die Zuschauer in der Pause feststellten, dass ihnen während der Siegfrieds-Tragödie ein Bundeskanzler abhandengekommen war, musste man zugeben, dass manchmal die Dramatik der Realität jener auf der Bühne kaum nachsteht. Dabei mangelte es Susanne Lietzow keineswegs an Einfällen.

Die Regisseurin legt Friedrich Hebbels Trauerspiel im Schauspielhaus des Linzer Landestheaters so unterhaltsam an, dass man kaum aus dem Schauen, Staunen und Lachen herauskommt. Tatsächlich hat ihre immer wieder comicartige Inszenierung drei Stunden 20 Minuten lang (bei einer Pause) kaum einen Durchhänger. Es ist ein Abend für die von der modernen Unterhaltungsindustrie geprägten Zuschauer und weniger für literaturhistorische Feinspitze - obwohl zwischendurch immer wieder das Nibelungenlied auf Mittelhochdeutsch anklingt und auch Fritz Langs „Nibelungen“-Stummfilm zweimal eingespielt wird. Auf einem großen, in einem Knochen- und Hornrahmen befindlichen Screen wird auch ein Softporno eingespielt: „So scharf wie Siegfrieds Schwert.“ Freizeitvergnügen im Hause Burgund.

Eingangs scheint auf der Bühne eine weitere Folge einer Soap namens „Der Burgunden-Clan“ gespielt zu werden. Das legen Musik und ein Trailer nahe, bei dem es zu einem Kampf zwischen Adler und Falke kommt, während auf einer braunen Leder-Sitzgarnitur vor einem ausgetopften Hirsch die strohblonde Familie Platz nimmt: der etwas blasse und wenig durchsetzungsstarke Gunther (Markus Ransmayr), seine jüngeren Brüder Giselher (Jakob Kajetan Hofbauer) und Gernot (Alexander Julian Meile), sein Onkel Hagen Tronje (Christian Taubenheim ist aus der Art geschlagen und trägt sein dunkles Haupthaar in Neonazi-Fasson). Über die steile Showtreppe stoßen Königin Ute (Katharina Hofmann) und ihre Tochter Kriemhild (Theresa Palfi) zur lieben Familie.

Da stört Held Siegfried die familiäre Idylle in Worms am Rhein. Christian Clauß ist ein wahrer Strahlemann aus den Niederlanden, redet Deutsch wie Rudi Carrell, trägt sein Schwert Balmung, das andere kaum zu heben vermögen, am Rücken und sagt, als Hagen mehrere Pistolenschüsse auf ihn abgibt, bloß: „Aua!“ Ja, Siegfried ist ein wahrer Held und aus ganz anderem Holz geschnitzt als der Schwächling Gunther. Deswegen ist der Männer-Pakt bald geschmiedet: Siegfried, der einzige, der der isländischen Fürstin Brunhild gewachsen ist, hilft Gunther beim Werben und Bezwingen von Brunhild, die er zur Frau nehmen möchte, und bekommt dafür Kriemhild. Dass er dieser als Morgengabe den Nibelungenschatz verspricht, sorgt bei ihr für Teenager-haftes Gekreische und bei ihrer Familie für lauten Jubel.

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Susanne Lietzow scheut keine grellen Effekte und weiß sich da ganz eins mit Bühnenbildnerin Aurel Lenfert und Kostümbildnerin Marie-Luise Lichtenthal. Man trägt schwere Pelze, Brunhild (Corinna Mühle) ist mit Isländer-Pulli gleich als ungehobelte Nordländerin gekennzeichnet, stößt bei Erregung walkürenhafte Schreie aus und legt ihre Pelzmütze auch im Brautgemach nicht ab. Für die Slapstick-Einlagen der Hochzeitsnacht gibt es ebenso Extra-Applaus wie später für Siegfrieds Tod, den Clauß als große Akrobatik-Nummer zelebriert. Dass sie das ganze Macho-Getue jedoch ohnehin sehr fragwürdig findet, macht die Regisseurin in einem kurzen Bruch deutlich, als sich die Rivalinnen Kriemhild und Brunhild auf der Bühne „privat“ völlig einig zeigen: Dass Brunhild, die stärkste Frau der Welt, durch einen einzigen Fick aller ihrer Kräfte verlustig geht, ist ja wohl eine üble Männer-Fantasie. Leider ist Brunhild danach auch in Lietzows Inszenierung ziemlich abgemeldet. Denn jetzt kommt Hunnenkönig Etzel als Brautwerber und ermöglicht Kriemhilds Rache.

Etzel (Alexander Hetterle) ist ein aus dem Osten kommender Barbar, wie er im Buche steht. Lustvoll bedient die Inszenierung die Klischees. Auf der Etzelsburg steht nicht der Hirsch, sondern das Pferd in Form einer Statue im Mittelpunkt, es wird Wodka gesoffen und mit „Egészségedre!“ einander zugeprostet, den Gästen Pörkölt serviert und wenn diese nach den ersten Bissen röchelnd unter den Tisch fallen, sind sie nicht vergiftet, sondern stehen nach einer Schreckminute langsam wieder auf: „Ist das scharf!“ Ja, man hat viel Spaß an Lietzows Inszenierung, und zu den wirklich gelungenen Szenen zählen auch die Auftritte geheimnisvoller großer Tierwesen oder der zwei Wasserhexen (Melanie Sidhu und Annelie Straub) durch ein Waschbecken.

Kurz scheint die Inszenierung wieder ganz im Heute angelangt zu sein, als Gunther beim Gastmahl auf der Etzelsburg bekennt: „Ich habe auch Fehler gemacht!“ Was folgt, ist jedoch kein Rücktritt, sondern ein Gemetzel, das trotz Blutbrunnen vergleichsweise konventionell erscheint. Hagen nimmt das Geheimnis um die genaue Stelle, wo er den Nibelungenhort im Rhein versenkt hat, mit in den Tod. Das könnte noch Stoff für viele weitere Folgen der „Burgunden-Clan“-Soap geben, ja vielleicht sogar für eine Opern-Tetralogie? Dieser Abend endet jedoch mit Kriemhilds Schluss-Song „Davon geht die Welt nicht unter“. Und mit langem Jubel um Team und Darsteller, unter denen Theresa Palfi und Christian Clauß zu Recht mit besonders starkem Applaus bedacht wurden.

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