Edgar Allan Poe im Burgtheater mehr poetisch als gruselig

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Wieder einmal hat Martin Zehetgruber im Burgtheater ein tolles Bühnenbild geschaffen. Doch empfängt einen für Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ nicht das titelgebende düstere Anwesen, in dem der Erzähler einen Mauerriss bemerkt, der den Einsturz herbeiführen wird, sondern eine große, alte Maschinenhalle samt schwerem Kran-Haken. Der Aufführungsort in Gladbeck, wo diese Koproduktion mit der Ruhrtriennale Premiere feierte, wurde einfach nachgebaut.

Die Inszenierung von Barbara Frey, die im August in der Zeche Zweckel gespielt wurde, hätte mit ihrem musikalisch-poetischen Ansatz vermutlich besser in das Kasino am Schwarzenbergplatz gepasst. Das Transponieren des Industriedenkmals mit seinen mit Brettern vernagelten Fenstern in das Haus am Ring befremdet ein wenig - und so ganz wollte sich am Sonntag der Zauber, der dieser Produktion ohne Zweifel innewohnt, in der Weitläufigkeit des Burgtheaters nicht einstellen.

Frey hat rund um die Titel-Erzählung Motive anderer Schauergeschichten von Edgar Allan Poe eingewoben - von „Die Grube und das Pendel“ bis „Die Morde in der Rue Morgue“. Es geht nicht um Handlung, sondern um Atmosphäre, nicht um Dialoge, sondern um sich manifestierende Ängste. Daher gibt es auch keine festgelegten Figuren, sondern ein Sextett an Darstellern, die sich in streng choreografierten Bewegungsabläufen aus der Tiefe kommend den Raum erobern und dabei immer wieder zu Büchern oder Instrumenten greifen. Den Ton geben jedoch Thomas Hojsa und Josh Sneesby an, die zu Beginn für einen langen, meditativen Dialog zweier Klaviere sorgen.

Die von Martin Kusej zu Beginn seiner Intendanz beschworene Vielsprachigkeit wird mit ungarischen Passagen von Annamária Lang und mit Debbie Korleys Englisch eingelöst. Katharina Lorenz und Markus Scheumann geben dem Schrecken ein Gesicht, das bei Michael Maertens zur Fratze wird, wenn er mit dem Lachen kämpft, als er von schauerlichen Bluttaten berichtet. Lebendig Begrabene werden angerufen, und Jan Bülow macht mit den traurigsten Tönen, die er seiner Gitarre entlocken kann, und einem Lied der kanadischen Folk-Band Timber Timbre klar, dass es allen Grund gibt, sich zu fürchten: „Run from me, darlin‘ / Run, my good wife / Run from me, darlin‘ / You better run for your life“.

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Kein großer Abend im großen Haus, aber viel Applaus nach knapp zwei Stunden für eine schöne, interessante Arbeit, die niemanden das Gruseln lehrte. Das kann die Politik derzeit offenbar besser.

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