Ästhetischer Widerstand im Doppelpack in der Kunsthalle Wien

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Rassismus, Kolonialismus, Heteronormativität und problematische Verflechtungen der Kunstwelt sind Ana Hoffner ex-Prvulovic* und Belinda Kazeem-Kamiński ein Dorn im Auge. Somit steht die obere Halle in der Kunsthalle Wien im Zeichen des ästhetischen Widerstands. Denn zu sehen sind ab morgen zwei Einzelausstellungen der beiden in Wien lebenden Künstlerinnen*, die zwar eigenständig funktionieren, aber Gelegenheit zur Begegnung bieten.

Zu Beginn muss man sich entscheiden, führen doch zwei separate Eingänge zu den Ausstellungen, die den jeweiligen Namen der Künstlerin* tragen. Die in der Mitte der eher düster gehaltenen Halle hochgezogene Trennwand hat jedoch Öffnungen und erlaubt es so, spontan zwischen den beiden Ausstellungen hin und her zu wechseln. Beide erforschen Blickregime und Praktiken des Fremdmachens, doch tun sie dies aus einer unterschiedlichen Perspektive heraus, wie Kuratorin Anne Faucheret bei einer Presseführung am Donnerstag erklärte.

In der Ausstellung von Kazeem-Kamiński spielt neben mehreren Videoarbeiten, die zum Verweilen einladen, Überarbeitung eine gewichtige Rolle. So kratzt, klebt und schneidet sie an problematischen Materialien herum. „Ashantee, edited“ und „Ashantee, edited and annotated“ setzt sich etwa mit dem Buch des österreichischen Autors Peter Altenberg auseinander, der unter dem Titel „Ashantee“ seine Beobachtungen und Kommunikationsversuche mit westafrikanischen Darstellerinnen und Darstellern festhielt, die einst im heutigen Wiener Prater auftraten. Dieses ist laut der Künstlerin von Ignoranz und Rassismus durchzogen. „Sämtliche Stellen, die nicht rein informativ waren, habe ich weggekratzt“, sagte Kazeem-Kamiński. Was übrig blieb - wenig -, ordnete sie zu einem neuem Buch an und klebte Doppelseiten an die Wand der Ausstellungshalle. „Es ging nicht nur darum, Rassistisches auszulöschen, sondern auch Platz dafür zu schaffen, was ich lesen möchte“, so die Künstlerin, von der erstmals eine Einzelausstellung zu sehen ist.

In unmittelbarer Nähe dazu findet sich die Fotoinstallation „Strike a Pose“, die sich mit den ausgestreckten Armen von Ethnografen über einer als „anders“ dargestellten Person befasst. Letztere überdeckt die Künstlerin mit einer Farbfläche, womit die mit Objektifizierung und Unterwerfung konnotierte autoritative Geste ins Leere laufen soll. Für eine skulpturale Arbeit modifizierte sie wiederum eine Lithografie von Franz Wolf aus dem Jahr 1833, die Kunststudenten beim Studium unter anderem einer mit diversen Attributen versehenen schwarzen Frau zeigt, die diese „wild“ erscheinen lassen. Diese lässt Kazeem-Kamiński aus der Lithografie verschwinden, überführt sie aber in den realen Raum.

Bei Ana Hoffner ex-Prvulovic* werden die Besucherinnen und Besucher von der Videoinstallation „After the Transformation“ begrüßt. Darin denkt die Künstlerin* über ihre* eigene körperliche Transformation nach, die sich etwa in einer tieferen Stimme nach der Einnahme von Testosteron manifestierte. Der Rest der Ausstellung wird längs an einer Wand von der Werkserie „Private View“ begleitet. „Es ist ein Versuch, Institutionskritik zu aktualisieren und die Verwicklungen der Kunstwelt etwa mit der Waffenindustrie und dem globalen Kapital aufzuzeigen“, so Hoffner ex-Prvulovic*.

Darin wird etwa Heidi Goess-Horten thematisiert, die von ihrem Mann Helmut Horten ein Vermögen geerbt hat und dieses mitunter in eine Kunstsammlung investiert und plant, in Wien ein eigenes Privatmuseum zu eröffnen. Ihr Mann war ein deutscher Kaufhaus-Tycoon, der im Rahmen der NS-Arisierung in den 30er-Jahren reich wurde, da er jüdische Unternehmen zu niedrigen Preisen aufkaufte. Rund um die Chronologie der Geschehnisse sind Zitate handelnder Personen als auch spielerische und zynische Elemente angeordnet.

Eine Performance namens „Non-aligned Relatives“ ist sowohl filmisch als auch installativ festgehalten. Darin verkörpert Hoffner ex-Prvulovic* Persönlichkeiten ihres queeren Familienalbums sowie ihrer Wahl-Verwandtschaft und aktiviert eine Sammlung von Avantgarde-Künstlerinnen und -Künstlern. „Was macht man mit historischer Avantgarde, die mittlerweile zu bürgerlichem Kitsch verkommen ist?“, fragt sie sich und hebt ein Urinal auf.

Die beiden Ausstellungen waren für das Frühjahr 2020 geplant, mussten aufgrund der Coronapandemie jedoch zweimal verschoben werden. Das führte dazu, dass viele neue Arbeiten - rund die Hälfte stammt aus dem heurigen Jahr - Eingang fanden und andere überarbeitet wurden. Auch außerhalb der oberen Halle finden sich für aufmerksame Besucher des Museumsquartiers Werke der beiden Künstlerinnen*. So wurde die zweiteilige Installation „Active Intolerance“ von Hoffner ex Prvulovic* am Eingang zur Halle E und G aufgebaut. Ein künstlerischer Beitrag von Kazeem-Kamiński in Briefform erschien bereits in der Tageszeitung „Der Standard“.

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