Gehörlos und laut durch die „Stadt der Affen“ im Kasino

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Am Beginn steht eine Entschuldigung. „Ich bin gehörlos. Es tut mir leid“, hält ein Jugendlicher dem Publikum auf einem Schild schüchtern entgegen. Leidtun muss ihm das natürlich nicht, wie das Stück „Stadt der Affen“ verdeutlicht. Die belgische Regisseurin Lies Pauwels brachte es am Samstagabend im Burgtheater-Kasino am Schwarzenbergplatz zu seiner Uraufführung. Dabei setzt sie auf gehörlose Laien- und professionelle Schauspieler, die gemeinsam eine neue Sprache suchen.

Die Kommunikation per Schrift ist im Laufe des rund hundertminütigen Abends die Ausnahme. Folgt auf den Beginn doch ein Mix aus Deutsch, Österreichischer Gebärdensprache, Englisch und Tanz, mit dem die sieben Darstellerinnen und Darsteller zueinander in Verbindung treten. Dabei ist „Stadt der Affen“ sowohl für hörende als auch gehörlose Menschen geeignet, da das Geschehen mit Übertiteln versehen ist.

Das Stück hat keine simpel nachvollziehbare Handlung, sondern reiht Monologe, Tanz- und Gesangseinlagen als auch wenige Dialoge aneinander. Diese entstanden teils aus im Probenprozess improvisiertem Material, hegt Pauwels, die erstmals in Österreich ein Stück inszenierte und auch für Konzept und Text verantwortlich zeichnete, doch eine Vorliebe dafür. Schon bald findet sich Hans Dieter Knebel auf der mit versehrten Statuen und zerrissenen Gemälden ausgestatteten Bühne ein, um das Publikum mal belustigt, mal launisch, mal aggressiv über die Regeln aufzuklären („Kein Sex in der letzten Reihe“, „Nennen Sie Ihren Chihuahua nicht Herkules“). Stefanie Dvorak mahnt, die Darstellerinnen und Darsteller bitte nicht zu füttern. Sie bekommen nämlich perfekt abgestimmtes Futter von ihren Pflegern.

Auf die praktischen Anweisungen folgen weit weniger praxistaugliche Textwürste, die zwar die Gedächtnisleistung der Schauspielenden hervorstreichen, aber rasch ermüden. Glücklicherweise werden sie immer wieder von Bewegungseinlagen aufgelockert. Besonders eindrücklich fällt dabei eine Art Tanz von einer schwächeanfallgeplagten Dvorak mit Wesal Jahangiri aus, der alle Hände voll zu tun hat, ihren laschen und doch seltsam kontrollierten Körper nicht zu Boden gleiten zu lassen. Dass diese wie auch mehrere andere Szenen auf starken Musikeinsatz bauen, mutet angesichts des wohl auf Augenhöhe mit Gehörlosen konzipierten Abends etwas schräg an.

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Als klar erkennbarer roter Faden fungieren die nächsten Verwandten des Menschen. So werden Affenköpfe auf Stecken ausgeführt, Absperrkordeln zu Schwänzen umfunktioniert oder auch riesige Filmplakatposter („King Kong“ und Co.) als Mantel getragen. Warum das ganze „Affentheater“? Das muss man sich weitgehend selbst zusammenreimen. Fest steht, dass Gebärdensprache jahrzehntelang als „Affensprache“ verhöhnt wurde. Erst seit 2005 ist sie in der Bundesverfassung anerkannt, obwohl sie von rund 10.000 Menschen in Österreich gesprochen wird. Dass Gehörlosigkeit von den Betroffenen nicht zwangsläufig als Bürde aufgefasst wird, aber durch Ignoranz der Mehrheitsgesellschaft zu einer werden kann, hält etwa Julia Oberroithmair in einem bewegenden Monolog fest.

Der Abend im Burg-Kasino verdeutlicht trotz so mancher Länge und etwas plump ausgefallener Einlage, dass Gehörlosigkeit niemandem leidzutun hat. Vielmehr ist es eine Eigenschaft, die erst in der Begegnung von Gehörlosen und Hörenden schlagend wird. Daher sollte es gemeinsame Aufgabe sein, für gelingende Kommunikation zu sorgen. Wie das zu bewerkstelligen ist, davon hat „Stadt der Affen“ eine abstrakte Vorstellung vermittelt. Das Publikum - darunter zahlreiche Gehörlose - dankte es mit viel Applaus in Gebärdensprache, Klatschen und Stampfen.

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