UNO-Chef Guterres bei COP26: „Schaufeln uns eigenes Grab“

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Vom Weltklimagipfel (COP26) in Glasgow wurde am späten Montagabend eine erste Vereinbarung gemeldet: Mehr als 100 Staaten haben sich verpflichtet, die Zerstörung von Wäldern und anderen Landschaften bis 2030 zu stoppen. Dies gab die vorsitzführende britische Regierung bekannt. UN-Generalsekretär Antonio Guterres hatte zuvor beim feierlichen Auftakt vor einem Versagen der Menschheit im Kampf gegen die Erderwärmung gewarnt: „Wir schaufeln uns unser eigenes Grab“, sagte er.

Die an der Vereinbarung zum Schutz der Landschaften beteiligten Länder, darunter Deutschland und die gesamte EU, repräsentieren 85 Prozent der weltweiten Waldfläche, also etwa 34 Millionen Quadratkilometer. Mit dabei sind die Staaten mit den größten Wäldern überhaupt, also Kanada, Russland, Brasilien, Kolumbien, Indonesien sowie China, Norwegen und die Demokratische Republik Kongo. Für das Vorhaben werden bis 2025 etwa 12 Milliarden US-Dollar (10,3 Milliarden Euro) an öffentlichen Geldern mobilisiert. Hinzu kommen 7,2 Milliarden US-Dollar (6,2 Mrd. Euro) private Investitionen.

Wälder gelten als die Lunge unseres Planeten, sie nehmen etwa ein Drittel der jährlich vom Menschen ausgestoßenen CO2-Emissionen auf. Doch schrumpfen sie bedenklich, wie es in der Mitteilung weiter hieß: Jede Minute gehe eine Fläche von etwa 27 Fußballfeldern verloren.

Guterres hatte beim feierlichen Auftakt vor Dutzenden Staats- und Regierungschefs - darunter Kanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) - gemahnt, dass sämtliche zugesagten Anstrengungen beim Klimaschutz hinten und vorne nicht ausreichten, um eine Katastrophe abzuwenden.

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Schallenberg (ÖVP) unterstrich in seiner Rede die enge Verbindung der österreichischen Aktivitäten beim Klimaschutz mit jenen auf EU-Ebene. Und Europa sei mit seinen Klimazielen „auf dem besten Weg, bis 2050 erster klimaneutraler Kontinent zu werden“. Mit dem auf 130 Millionen Euro vervierfachten Beitrag zum Green Climate Fund hob Schallenberg Österreichs Rolle bei der Klimafinanzierung hervor.

Auch die scheidende deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte mehr Tempo beim Klimaschutz und warnte vor „verheerenden Auswirkungen“ der Erderwärmung. „Wir sind nicht da, wo wir hinmüssen“, sagte sie. Nötig für die unumgängliche „umfassende Transformation“ unseres Arbeitens und Wirtschaftens sei ein weltweiter Preis auf den Ausstoß von Kohlendioxid.

US-Präsident Joe Biden bat vor dem Plenum um Entschuldigung für den Rückzug seines Vorgängers Donald Trump aus dem Pariser Klimaschutzabkommen von 2015. Trump hatte daran gezweifelt, ob der Klimawandel überhaupt menschengemacht ist - solche Zweifel sind wissenschaftlich klar widerlegt. Nun sagte Biden, Glasgow müsse der Startschuss für ein „Jahrzehnt des Ehrgeizes und der Entschlossenheit sein“. Und die USA wollten mit gutem Beispiel vorangehen.

Auf Einladung der Vereinten Nationen beraten in Schottland Regierungsvertreter aus rund 200 Staaten zwei Wochen lang, wie die beschleunigte Erderhitzung noch auf ein erträgliches Maß eingedämmt werden kann. Ein Dämpfer war aber am Sonntag vom G20-Gipfel in Rom gekommen: Die Wirtschaftsmächte fassten nur vage Beschlüsse zum Klimaschutz und scheiterten aus Sicht der meisten Beobachter daran, ein starkes politisches Signal nach Glasgow zu senden.

Guterres verlangte, alle Regierungen müssten ihre Subventionen für fossile Brennstoffe wie Öl, Gas und Kohle abschaffen, aus der Kohle aussteigen und einen Preis für sämtliche Treibhausgas-Emissionen festlegen. „Es ist an der Zeit, zu sagen: Genug“, sagte Guterres. „Genug brutale Angriffe auf die Artenvielfalt. Genug Selbstzerstörung durch Kohlenstoff. Genug davon, dass die Natur wie eine Toilette behandelt wird.“

Der Gastgeber der Konferenz, der britische Premierminister Boris Johnson, schwor die Weltgemeinschaft ebenfalls auf schnelles und ehrgeiziges Handeln ein. „Es ist eine Minute vor Mitternacht auf der Uhr des Weltuntergangs“, sagte er. „Wir fühlen uns vielleicht nicht wie James Bond, und sehen vielleicht auch nicht so aus.“ Aber mit Blick auf den Film-Geheimagenten und die drohende Klimakatastrophe sagte er: „Lasst uns diese Bombe entschärfen.“

Ähnlich äußerte sich EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Das ist unsere Chance, Geschichte zu schreiben. Mehr noch: Es ist unsere Pflicht, zu handeln“, sagte die deutsche Politikerin.

Wie Russlands Staatschef Wladimir Putin nahmen auch der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan und Chinas Präsident Xi Jinping nicht persönlich an der Konferenz teil. Die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichte stattdessen ein Statement. „Taten sind die einzige Möglichkeit, Visionen in die Realität umzusetzen“, hieß es darin. Nach den von Xinhua veröffentlichten Auszügen machte Xi zunächst keine konkreten neuen Zusagen, forderte jedoch alle Seiten auf, „ihre Versprechen einzuhalten“. Kein Land produziert eine so große Menge klimaschädlicher Treibhausgase wie China.

Etwas konkreter wurden dagegen Indien und Brasilien: Premierminister Narendra Modi nannte vor dem Plenum erstmals ein Ziel für die Klimaneutralität seines Landes: Bis 2070 will das bevölkerungsreiche Land nur noch so viel klimaschädliche Emissionen ausstoßen, wie etwa in Senken wie Ozeanen und Wäldern aufgenommen werden können. Das ist das obere Limit, das der Weltklimarat (IPCC) für weltweite Klimaneutralität angegeben hat, damit das Leben auf dem Planeten Erde noch lebenswert bleibt.

Der international für seine Umweltpolitik hart kritisierte brasilianische Staatschef Jair Bolsonaro kündigte zum Beginn der COP26 - in einer Videobotschaft - die Verschärfung des Klimaziels an. Die Treibhausgasemissionen des Landes sollen bis 2030 im Vergleich zu 2005 halbiert werden. Bisher war eine Reduktion um 43 Prozent vorgesehen. Außerdem sicherte Umweltminister Joaquim Leite zu, dass auch Brasilien bis 2050 Kohlenstoffneutralität erreichen will - und zwei Jahre früher als bisher vorgesehen, nämlich bis 2028 illegale Abholzungen im Amazonasgebiet vollständig unterbunden werden sollen.

Viele Länder streben - so wie die EU - streben Klimaneutralität bis 2050 an, China hat 2060 ins Auge gefasst.

Die Erde hat sich im Vergleich zum vorindustriellen Niveau schon jetzt um etwa 1,1 Grad erwärmt; in Deutschland sind es bereits 1,6 Grad. In Paris hatte sich die Staatengemeinschaft vor sechs Jahren darauf geeinigt, die Erderwärmung möglichst auf maximal zwei Grad, besser 1,5 Grad, zu begrenzen. Bisher reichen die eingereichten Pläne der Staaten dazu aber bei weitem nicht aus.

Zusätzlich zu den rund 28.000 Delegierten, Beobachtern und Journalisten, die erwartet werden, kommen auch zahlreiche Aktivisten nach Glasgow, die für eine ehrgeizigere Klimapolitik protestieren wollen - darunter die weltweit prominenteste Aktivistin, die 18-jährige Schwedin Greta Thunberg.

Ein offener Brief führender Aktivistinnen um Thunberg an die Staatenlenker fand in kurzer Zeit mehr als eine Million Unterstützer. Bis zum Nachmittag hatten den zum Start der Weltklimakonferenz veröffentlichten Aufruf rund 1,1 Millionen Menschen online unterstützt. In diesem fordern Thunberg, Vanessa Nakate aus Uganda, die Polin Dominika Lasota und Mitzi Tan von den Philippinen die Staats- und Regierungschefs auf, der Klimakrise endlich mit drastischen Maßnahmen zu begegnen.

Grönland spürt den Klimawandel ganz besonders - Teil des Weltklimaabkommens von Paris war es bisher aber nicht. Damit ist nun voraussichtlich Schluss: Die größte Insel der Erde verabschiedet sich von einem territorialen Vorbehalt und will sich somit dem 2015 geschlossenen Abkommen anschließen.


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