Popeye und Olivia: Große „Liebe“ im Wiener Kosmos Theater

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Popeye, der Seemann, träumt davon, erfolgreicher Filmregisseur zu werden, ist aber dumm wie Brot. Seine Freundin Olivia Oyl ist dagegen eine hoch intelligente Autorin, der nicht nur die Welt der Literatur offen stünde. Doch für die Beziehung zu dem deutlich jüngeren, attraktiven Sailorboy reduziert sie ihr eigenes Ego auf Paarkompatibilität. „Liebe“ ist für die Israelin Sivan Ben Yishai „eine argumentative Übung“. Im Wiener Kosmos Theater wird daraus ein fulminanter Abend.

Dabei gibt es weder Comicfiguren noch Männer auf der Bühne. Und es steht weniger Pfeife und Spinat als die Vulva im Mittelpunkt. Doch Regisseurin Anna Marboe, die als Anna Mabo auch als Musikerin erfolgreich ist, hat für die Österreichische Erstaufführung des am Nationaltheater Mannheim uraufgeführten und zu den Mülheimer Theatertagen 2020 eingeladenen Stücks der in Berlin lebenden Autorin und Regisseurin ein feines Konzept und ein tolles Darstellerinnen-Quartett zur Verfügung, deren Energie und Spiellust die Zuschauer förmlich überrumpelt.

Anna Lena Bucher, Claudia Kainberger, Aline-Sarah Kunisch und Tamara Semzov spielen alles: den sanften, verständnisvollen und total feministischen Seemann, der letztlich doch nur ein ganz normaler Macho ist; die toughe Frau, die mit ihrer hohen Stimme und ihrer dürren Figur schwer unzufrieden ist und sich glücklich schätzt, in ihrem Alter und mit ihrem Aussehen so einen tollen Partner abbekommen zu haben; den Off-Kommentar und den vierstimmigen Chor, der diese scheinbar so harmonische Paar-Beziehung im Laufe von 90 Minuten als das entlarvt, was sie archetypisch wirklich ist: ein dem Harmoniebedürfnis geschuldeter fauler Kompromiss, der vor allem auf Kosten der weiblichen Bedürfnisse geht. Die Erfolgsformel lautet: Wenn er glücklich ist, ist das Paar glücklich, und damit ist automatisch auch sie glücklich. Oder so.

Das Ganze ist natürlich eine Lüge. Entlarvt wird sie auf ungewöhnliche Weise. Denn die Aufführung, die mit der Beschreibung eines ersten Orgasmus in der Badewanne beginnt, der dem mit dem Duschschlauch lustvoll agierenden Mädchen vier Schneidezähne kostet, geht nicht nur mit Psychologie, sondern auch mit Sexualität freizügig um. Die Wohnzimmerausstattung von Lisa Horvath setzt auf eine große Couch, deren Sitzpölster (Scham-)Lippen gleichen, zwei von der Decke hängende Säcke, die mit applizierten Nippeln an Brüste erinnern, und eine Fransen-Stehlampe, aus der Olivias Oma mahnende Worte spricht. Den emanzipatorischen Erkenntnisschub bringt jedoch einer der schwungvollen (und mitunter im Playback vorgetragenen) Songs, dessen Refrain schließlich auch vom Publikum begeistert mitgesungen wird: „Er hat sie nie geleckt!“

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Ja, warum eigentlich nicht? Doch während ganz offen das doch wieder schwanzfixierte Sexualleben von Popeye und Olivia diskutiert wird, entlarvt ein großer Monolog von Aline-Sarah Kunisch das Zuschauerverhalten gleich wieder als voyeuristisch. Das Mann-Frau-Problem bleibt ungelöst. Dagegen helfen weder Ballett noch Blattspinat. Lust und Lachen hilft. Davon gibt es an diesem unterhaltsamen und ganz ungenierten Abend über Geschlechterbeziehungen und Geschlechtsorgane jedenfalls erfreulich viel.

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