Russland auf der „Buch Wien“: Literaten im Fokus

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Nach einer offiziösen Eröffnung am Mittwochabend stehen am russischen Stand der „Buch Wien“ in den nächsten Tagen Literatinnen und Literaten aus Russland im Mittelpunkt. Nach einer Corona-bedingten Zwangspause zeigten sich einige Autoren am Rande der Eröffnung erfreut, auch endlich wieder im Ausland auftreten zu können. Und sie waren in Gesprächen mit der APA keinesfalls um kritische Anmerkungen zu Entwicklungen in ihrer Heimat verlegen.

Neben ein bisschen Sekt, Schokolade und Trockengebäck wurde bei der Eröffnung des offiziellen Stands von Russland insbesondere die Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht, dass diese russische Präsenz trotz pandemiebedingter Schwierigkeiten in Wien ermöglicht worden war. Auf der Bühne des Gastlands, über der eine Krone mit „Russland.Lesen“ auf der Außen- und Porträts von russischen Literaten auf der Innenseite schwebt, setzten russische Verantwortliche freilich zu ihren offiziellen Reden an.

Russlands Botschafter in Wien, Dmitri Ljubinski, zeigte sich etwa erfreut, dass sein Land kurz zuvor als „Literaturgroßmacht“ bezeichnet worden war. „Diese Teilnahme von Russland als allererstes Gastland der ‚Buch Wien‘ avanciert zu einem und symbolträchtiges Großereignis des österreichisch-russischen Literatur- und Theaterjahrs“, erklärte er.

Letzteres sei von den Außenministerien der beiden Länder akkordiert, von den Kulturministerien mit Inhalt gefüllt und bei einem Gipfeltreffen der Präsidenten in Sotschi 2019 verkündet worden, skizzierte er Mechanismen der bilateralen Kulturzusammenarbeit. Verantwortliche österreichische Politiker oder Spitzenbeamte fehlten bei der Eröffnung des Stands, zu Wort kam der Präsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels, Benedikt Föger.

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Zur Eröffnung hatten sich aber auch jene Literatinnen und Literaten aus Russland versammelt, die nach Wien hatten anreisen können. „Nachdem lange Zeit alles zugesperrt war, versuchen wir nun erneut zu leben“, scherzte der Lyriker, Übersetzer und Herausgeber Maxim Amelin. Neben der Anthologie zeitgenössischer russischer Lyrik „Revolution der Sterne“, die sein österreichischer Kollege Alexander Nitzberg ins Deutsche übersetzt hat, präsentierte er bereits am Donnerstagvormittag eine weitere Anthologie, von Übersetzungen aus Minderheitensprachen ins Russische.

„In Russland wird in 59 Literatursprachen geschrieben. Gerade in der Dramatik gibt es äußerst zeitgenössische Stücke etwa auf jakutisch, udmurtisch, baschkirisch oder kabardinisch“, erzählte er im Gespräch mit der APA. Kritisch sieht Amelin ein 2018 beschlossenes Gesetz, das im Bildungsbereich die Russifierung bei Minderheiten vorantreibt. Manche Minderheiten hätten jedoch Möglichkeiten entdeckt, das zu umgehen, schilderte er.

„Unser Problem besteht darin, dass wir bis dato nicht sehr frei in unseren Gedanken sind. Wir leben noch immer in Paradigmen der Kommunisten, und das muss überwunden werden“, kommentierte auch der Schriftsteller Viktor Remizov aktuelle russische Befindlichkeiten. Er präsentiert auf der „Buch Wien“ die deutsche Übersetzung seines 2014 erschienenen Romans „Asche und Staub“, der von einem Konflikt einfacher Menschen mit der Polizei im Fernen Osten Russlands handelt. Sein neuester Roman „Permafrost“, der sich mit einem aberwitzigen Eisenbahnprojekt des Spätstalinismus beschäftigt, harrt einstweilen noch einer Übersetzung ins Deutsche. In Wien hofft Remizov, neue Kontakte knüpfen zu können.

Auf neue Bekanntschaften hofft auch die Schriftstellerin Alissa Ganijewa, die in Wien drei Romane präsentiert: Nach zwei Suhrkamp-Publikationen erschien 2021 bei Wieser in Klagenfurt auch „Verletze Gefühle“. Als Übersetzer fungierte der Diplomat und ehemalige österreichische Botschafter in Moskau, Johannes Eigner.

Ganijewa verfügt auch über eine prominente österreichische Leserin. Sie habe der damaligen österreichischen Außenministerin Karin Kneissl 2018 bei einem Treffen von problematischen russischen Realien berichtet, erzählte Ganijewa im Gespräch mit der APA. Kneissl habe im Anschluss damals auch die Thematik von politischen Gefangenen in Russland gegenüber ihrem Amtskollegen Sergej Lawrow angesprochen. Später habe es weitere Kontakte mit Kneissl gegeben, die ihre ins Deutsche übersetzten Romane las und in einem Brief detailliert analysierte. „Ich fand das toll“, sagte Ganijewa. Weniger toll findet sie, dass sich die ehemalige Außenministerin von einem russischen Ölkonzern hat anheuern lassen. „Es ist traurig, wenn man hört, dass europäische Politiker in eine solche Allianz mit dem russischen Staat eintreten und mit ihrer Reputation handeln“, kommentierte die Schriftstellerin.

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