UN-Klimagipfel in Glasgow braxchte „historischen“ Kompromiss

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Der UN-Klimagipfel in Glasgow (COP26) hat zum verzögerten Ende einen „historischen“ Kompromiss gebracht, der für viele Delegierte und die meisten NGOs vor allem eine Enttäuschung war. Österreichs Umweltministerin Leonore Gewessler (Grüne) sagte zur APA: „Es wäre unvorstellbar gewesen, ohne ein Ergebnis von der Konferenz abzureisen.“

Für Klimaschützer besonders bitter war, dass am Samstagabend in letzter Minute die Formulierung zu einer Abkehr von der Kohle auf Betreiben Chinas und Indiens deutlich abgeschwächt wurde. Erhalten blieben aber ein Bekenntnis zum 1,5-Grad-Ziel und zu einer schnelleren Überarbeitung der nationalen Klimaschutzziele.

Kurz vor ihrer Rückreise relativierte Gewessler gegenüber der APA die vielleicht für manchen Mitstreitenden schwachen Ergebnisse der COP26. Ein Scheitern, wie zuletzt vor zwei Jahren auf der COP25 in Madrid, „dafür haben wir keine Zeit mehr“, hob die Ministerin hervor. Weiterhin ortete sie in dem Ergebnis des UN-Gipfels in Glasgow viel Licht, aber auch Schatten: „Viel Licht heißt, dass wir ein starkes Ergebnis haben“, nämlich eines mit der Verankerung des 1,5-Grad-Ziels. „Wir haben einen Prozess in diesem Text verankert, mit dem wir uns schon kommendes Jahr für eine Nachbesserung der Klimaziele bis 2030 auseinandersetzen müssen“, hob die Ministerin hervor. Und nachdem es genau um diese Dekade ginge, sei das ein so wichtiger Teil der heutigen Abschlusserklärung

COP-Präsident Alok Sharma hatte zuvor zum Endspurt der COP26 einen „Moment der Wahrheit“ angekündigt. Dieser manifestierte sich im kleinsten gemeinsamen Nenner. Mit dem angenommenen Schlusstext erhält der Pariser Klimavertrag aber zumindest ein abgeschlossenes Regelwerk.

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Die UN-Klimakonferenz hat die Staaten der Welt zudem erstmals dazu aufgefordert, den Ausstieg aus der Kohle einzuleiten. Die am Samstag gebilligte Erklärung von rund 200 Staaten fordert zudem, „ineffiziente“ Subventionen für Öl, Gas und Kohle zu streichen. „Freunde, die Welt beobachtet uns“, hatte Sharma zuvor gewarnt. Er habe von Anfang an gesagt: Entweder werde man gemeinsam zum Erfolg kommen, „oder gemeinsam scheitern“. Gestärkt wurde das 1,5 Grad-Ziel, das trotzdem immer weiter entfernt scheint.

Sharma meinte, es tue ihm „zutiefst leid“, wie das Treffen mit den in letzter Minute vorgenommenen Änderungen an der Formulierung über Kohle zu Ende gegangen sei, die wegen der Einsprüche von Indien vorgenommen wurde. Mit gebrochener Stimme reagierte er auf die Verärgerung anderer Staaten: „Ich möchte mich bei allen Delegierten entschuldigen, wie dieser Prozess verlaufen ist, und es tut mir sehr leid.“ Die bisher gemachten nationalen Zusagen zur Emissionssenkung würden den durchschnittlichen globalen Temperaturanstieg jedoch nur auf 2,4 Grad Celsius begrenzen. Sharma äußerte aber die Hoffnung, dass die endgültige Abschlussvereinbarung den Weg für tiefere Einschnitte in der nahen Zukunft ebnen könnte.

UN-Generalsekretär António Guterres warnte nach der COP26, dass die „Klimakatastrophe“ weiter „vor der Tür“ stehe: „Unser zerbrechlicher Planet hängt am seidenen Faden.“ Das Ergebnis der Weltklimakonferenz „hält die Paris-Ziele am Leben“, erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen. „Das macht uns zuversichtlich, dass wir der Menschheit einen sicheren und gedeihlichen Platz auf diesem Planeten bieten können.“ Die Verhandler in Glasgow hätten wichtige Fortschritte gemacht, erklärte die Kommissionschefin weiter.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen appellierte, den Klimaschutz weiter zu forcieren. „Auch wenn wichtige Fortschritte erzielt wurden, insgesamt reichen die Ergebnisse der UN-Klimakonferenz deutlich nicht aus, um die globale Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen und die Klimakrise wirksam einzudämmen. Die Staatengemeinschaft muss ihre Ambitionen bis zur nächsten Klimakonferenz in Ägypten im Herbst 2022 deutlich erhöhen und den Ausstieg aus der Nutzung klimaschädlicher fossiler Energien beschleunigen“, so Van der Bellen.

„Die Beschlüsse hier sind zahnlos, schöne Worte reichen nicht, um die Klimakrise zu lösen. Wir sind nach der Klimakonferenz in Glasgow noch immer auf direktem Weg in die Klimakatastrophe“, stellte die NGO Global 2000 zum Ergebnis fest. Kritisch sieht die NGO die Rolle der EU: „Die Einrichtung von Kohlenstoffmärkten öffnet der Aufweichung der Klimapläne Tür und Tor“. Die EU hat habe einem faulen Kompromiss zugestimmt, statt eine wichtige rote Linie zu ziehen“, so Klimasprecher Johannes Wahlmüller.

Greenpeace reagierte unter anderem mit Kritik an der Einigung bei Artikel 6: Mit dem globalen Emissionshandel wurde für die Staaten eine Hintertür geöffnet, um sich ein grünes Mäntelchen umzuhängen und sich aus der Verantwortung zu stehlen, lautete der Kommentar. „Echter Klimaschutz wird dadurch verwässert. Auch Gewessler, die für die EU die Verhandlungen in dieser Sache führte, konnte ihr Versprechen, Schlupflöcher beim Handelssystem zu schließen, nicht gänzlich halten“, hielt die Sprecherin der NGO, Jasmin Duregger fest. Einige schwache Lichtblicke sah man trotzdem.

WWF sah indes „viel Schatten und wenig Licht“ und kritisierte den „ambitionslosen Verhandlungstext“, samt einem 1,5-Grad-Ziel in weiter Ferne. Gefordert wurde stattdessen Klimagerechtigkeit und ein rasches Ende des fossilen Zeitalters. „Der Verhandlungstext beinhaltet zwar einige Überraschungen, wie zum Beispiel die erstmalige Erwähnung der Bedeutung des Schutzes und der Wiederherstellung der Natur - von vielen weiteren großen Ankündigungen ist am Ende aber nicht viel übriggeblieben“, kritisierte Klimaexpertin Lisa Plattner, die den WWF Österreich in Glasgow vertreten hat.

Oxfam stellte in einer Aussendung fest, dass die kleinen Schritte, welche die COP26 nach vorne gemacht habe, uns nicht zu der Illusion verleiten dürfen, mit einem echten Erfolg nach Hause zu fahren. „Es ist schon bitter, dass wieder einmal die von der Klimakrise besonders betroffenen, ärmeren Länder des Globalen Südens an den Rand gedrängt wurden“, lautete das Resümee von Oxfam. Auch Care-Experte Sven Harmeling meinte: „Die Industrieländer übernehmen immer noch keine Verantwortung für angerichtete Klimaschäden.“


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