Fliegen, nicht tanzen: Das Staatsballett „im Siebten Himmel“

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Im Programm liest sich der Abend wie ein Wiener Touristentraum. Ballette zu Donauwalzer, Radetzky-Marsch und Mahlers „Adagietto“, als Krönchen ein Spitzentanz von Balanchine. Aber mit einer Uraufführung von Marco Goecke und einer Adaption von Martin Schläpfers Johann Strauß-Kreationen aus 2006 zeigt das Wiener Staatsballett in seiner neuen Trilogie „Im siebten Himmel“ vor allem, wie lustvoll zeitgenössisches Körpertheater den klassischen Kanon gegen den Strich bürsten kann.

Die wichtigste Neuerung, die Ballettchef Schläpfer an seinem vor 15 Jahren und weit weg von Wien entstandenen „Marsch, Walzer, Polka“ vorgenommen hat, ist wahrscheinlich nicht die Addition der koketten „Neuen Pizzicato-Polka“, sondern die Ausstattung: Während in Schläpfers ursprünglicher Kreation vor allem in Adams- und Evakostüm getanzt wurde, setzt man für das Haus am Ring auf verspielte Opulenz mit den Livreen von Susanne Bisovksy, die irgendwo zwischen Wiener Bauernball und Moulin Rouge leben. Das ist bildgewaltig und sprechend, etwa bei der „Annen-Polka“, in der karikaturhaft ausgetanzten Trotzphase eines jungen Mädels, und in den „Sphärenklängen“ mit seinen dunklen, in Netzstrumpf-Einteiler gehüllten Fabelwesen.

Doch wo die Bekleidung dem Auge schmeichelt, unterwandert die Choreographie das Ohr: Schläpfer setzt auf Walzerresistenz und lässt den Dreivierteltakt an seinen langsam-kontrollierten Bewegungen vorbeirauschen. Man wiegt sich nicht, sondern man weigert sich, höchst gepflegt und anmutig zwar (herausragend: Ketevan Papava), aber hartnäckig, da kann die blaue Donau noch so verlockend aus dem Orchestergraben wogen (Dirigent: Patrick Lange). Das Schmuckstück in Schläpfers vor-wienerischen Wien-Kreationen ist zweifellos der „Radetzky-Marsch“, der als virtuose Solo-Pantomime (Jackson Carroll) in einer bitterbös-entlarvenden Zone zwischen Chaplin und Herrn Karl geboren wird.

Geboren im Probenprozess werden die Kreationen von Marco Goecke, der mit der Wiener Compagnie „Fly Paper Bird“ erarbeitete. Zu Satz zwei und vier aus Mahlers fünfter Symphonie versucht man, zu fliegen. Mitunter hektisch, mit zuckenden Flügeln, grotesk lachend (schreiend?), wiederholt, wiederholt, wiederholt. Aneckend, ausufernd, Küken und Ikarus, dazwischen haucht Rebecca Horner, die mit ihrem Körper so eloquent zu erzählen und den Bühnenraum so vollständig einzunehmen weiß, ein Gedicht von Ingeborg Bachmann. „Was auch geschieht: du weißt deine Zeit, mein Vogel, nimmst deinen Schleier und fliegst durch den Nebel zu mir.“ Was sich im schnellen Satz als fulminante, schräge Prosa ausnimmt, wird im „Adagietto“ zur ambivalenten Poesie. Wunderschönes, Hässliches, Existenzstress vor der Klangkulisse der endlosen Ruhe.

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Wer bei den beiden zeitgenössischen Stücken des Abends enttäuscht blieb mangels Walzer- und Seligkeit, durfte sich trösten mit George Balanchine und seiner bekannten „Symphonie in C“. Ausgesuchter Spitzentanz, reduziert auf das Wesentliche, für Männer, vor allem aber für Frauen Hochleistungsathletik - immer mit Lächeln, Tiara und Tutu. Zu bestaunen gab es da etwa ein beachtliches Sprungrepertoire von Kiyoka Hashimoto und Davide Dato oder einen eindrücklichen Kraftakt von Liudmila Konovalova. Zur Einstudierung war die Balanchine-Ballerina Patricia Neary aus New York angereist.

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