Meiste Schüler im Ethikunterricht in Wien und Vorarlberg

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Seit diesem Schuljahr müssen Schüler der fünften Klasse AHS und der ersten Klasse BMHS (Berufsbildende mittlere und höhere Schulen) entweder in Religionsunterricht oder Ethikunterricht gehen. Fast 25 Prozent der mehr als 70.000 Jugendlichen des betreffenden Jahrgangs besuchen im ersten Jahr das Fach Ethik. Die mit Abstand meisten Ethik-Schüler gab es in Wien (45 Prozent) und Vorarlberg (44), nach Schulformen waren es die meisten an den AHS (32 Prozent).

Die hohen Anteile in Wien und Vorarlberg seien vor allem auf die in diesen Bundesländern höhere Zahl an Schülerinnen und Schülern ohne religiöses Bekenntnis zurückzuführen, hieß es aus dem Wiener Erzbischöflichen Amt für Schule und Bildung gegenüber der Kathpress. Die Abmeldequoten vom katholischen Religionsunterricht lägen außerdem in den AHS und vor allem aber in den Berufsbildenden mittleren und höheren Schulen (BMHS) über dem österreichweiten Durchschnitt. Die Schulen in Wien und Vorarlberg seien zudem „von einer großen religiösen Diversität geprägt“, so die Leiterin der Abteilung für Rechtsangelegenheiten Birgit S. Moser-Zoundjiekpon.

Ebenfalls überdurchschnittlich viele Schüler im Ethikunterricht gab es in Niederösterreich (36 Prozent) und Oberösterreich (29). Jeweils 26 Prozent waren es in Salzburg und Kärnten, 25 Prozent in Tirol. Am geringsten war das Interesse vorerst im Burgenland (17) und der Steiermark (16). Nach Schultypen war die Nachfrage auch an den Handelsschulen und Handelsakademien überdurchschnittlich hoch (30). An den humanberuflichen Schulen (Lehranstalten für Tourismus, Soziale und Wirtschaftliche Berufe) waren es 19 Prozent, an den Technischen und gewerblichen mittleren und höheren Schulen 18 Prozent und an den Bildungsanstalten für Elementarpädagogik 12 Prozent.

Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) sieht die Zahlen als Beleg für eine erfolgreiche Einführung des neuen Fachs. „Der langjährige Schulversuch ist damit in der Regelschule angekommen“, sagte er in einer schriftlichen Stellungnahme. Vor diesem Schuljahr wurde Ethik lediglich an 233 AHS und BMHS als Schulversuch für jene angeboten, die konfessionslos oder vom Religionsunterricht abgemeldet sind. Mit Herbst wurde Ethik nun als „Ersatzpflichtfach“ ins Regelschulwesen übernommen. Gestartet wurde mit den neunten Schulstufen, im Jahr darauf folgen die neunten und zehnten usw. Der Endausbau soll 2025/26 erreicht sein.

Schüler, die konfessionslos sind bzw. bisher von Religion abgemeldet waren, hatten bisher während des Religionsunterrichts eine Freistunde. Diese Option fällt nun durch die Einführung des „Ersatzpflichtfachs“ weg. Wie viele nun als „Alternative zum Kaffeehaus“ (Faßmann) Ethikunterricht gewählt haben und wie viele Religion, konnte man im Bildungsministerium mangels Daten allerdings nicht sagen. Auch in welchem Ausmaß konfessionslose Schüler, die bisher freiwillig am Religionsunterricht teilgenommen haben, nun in den Ethikunterricht gewechselt sind, ist vorerst unklar. Erfahrungen an Standorten mit dem Schulversuch Ethik hätten allerdings gezeigt, dass mit der Einführung des Ersatzpflichtfachs auch die Zahl der Schüler im Religionsunterricht gestiegen sei, hieß es aus dem Bildungsministerium.

Konkrete Zahlen gibt es von der katholischen Kirche: Demnach nahmen zuletzt 91 Prozent der katholischen Schüler am katholischen Religionsunterricht teil, konkret waren das rund 586.000 der insgesamt 1,13 Mio. österreichischen Schüler. Zusätzlich haben mehr als 24.300 Schüler ohne religiöses Bekenntnis freiwillig katholischen Religionsunterricht besucht.

Diskussionen über die Einführung von Ethikunterricht gab es seit den 1990er-Jahren, Hintergrund ist die gesellschaftliche Entwicklung: In den vergangenen Jahrzehnten ist der Anteil der Personen ohne Religionsbekenntnis beständig gestiegen, von vier Prozent im Jahr 1951 auf 17 Prozent 2017. Außerdem können auch Angehörige einer Religionsgemeinschaft vom Religionsunterricht abgemeldet werden - zunächst durch die Eltern, ab 14 Jahren können Schüler das selbstständig auch ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten.

Dass nun Ethik nur für jene verpflichtend wird, die keinen Religionsunterricht besuchen, wurde von vielen Seiten scharf kritisiert. Inhaltlich soll es im neuen Ethikunterricht nicht vorrangig um die Vermittlung oder Reproduktion von Wissen gehen, sondern um das Fragenstellen und die gemeinsame Suche nach Antworten zu Themen von Menschenrechten über Medien bis zu Tod. Gleichzeitig sollen solche ethische Fragen auch im Religionsunterricht aufgegriffen werden.


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