Zehntausende bei Gedenkzug in kroatischer Stadt Vukovar

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In der kroatischen Stadt Vukovar ist am Donnerstag der Opfer gedacht worden, die vor 30 Jahren bei der mehrmonatigen Belagerung durch die jugoslawische Armee (JNA) und serbische Milizen getötet worden waren. Inmitten der Corona-Pandemie nahmen Zehntausende Menschen, darunter die gesamte Staatsspitze, an dem Gedenkzug durch die ostslawonische Stadt teil.

Im Vorjahr, dem ersten Pandemie-Jahr, beteiligten sich an dem traditionellen Umzug rund 10.000 Menschen. Heuer wurde diese Zahl weit übertroffen, berichteten die anwesenden Journalisten und schätzten die Teilnehmerzahl auf mehrere Zehntausend. Die Polizei bestätigte diese Einschätzung, wie die Medien berichteten. Auf Bildern aus Vukovar war eine unübersichtliche Kolonne zu sehen, die Menschen Schulter an Schulter und überwiegend ohne empfohlenen Mund-Nasen-Schutz. Für die Teilnahme an dem Gedenkzug war die Einhaltung der 3G-Regel nicht erforderlich.

Anders als im Vorjahr, als die Entscheidung über eine Massenveranstaltung inmitten der Pandemie heftig kritisiert wurde, gab es zum heurigen 30. Jahrestag kaum kritische Worte zu hören. Dabei hält die vierte Pandemiewelle Kroatien besonders stark im Griff: Das jüngste EU-Land gehört zu den Ländern mit den höchsten Corona-Neuinfektionszahlen Europas.

Vukovar, auch „Heldenstadt“ genannt, hat einen wichtigen Platz in der kroatischen Geschichte und eine große emotionale Bedeutung für die Bevölkerung. Wie Premier Andrej Plenkovic am Donnerstag sagte, verdanke man den Helden von Vukovar die Freiheit, die Demokratie und das Leben, das man nach dem Heimatkrieg habe. „Vukovar ist Kroatien und Kroatien ist Vukovar“, so Plenkovic.

Am 18. November 1991 war Vukovar nach 87 Tagen Belagerung gefallen. Seit dem Vorjahr wird dieser Tag als „Gedenktag für die Opfer des Heimatkrieges und die Opfer von Vukovar und Skabrnja“ als Staatsfeiertag begangen. Die Stadt an der Grenze zu Serbien wurde nach dem Fall dem Erdboden gleichgemacht, 22.000 nicht-serbische Bewohner wurden vertrieben, rund 7.000 Gefangene in Lager nach Serbien gebracht. Laut kroatischen Quellen wurden während der dreimonatigen Belagerung rund 2.700 kroatische Soldaten und Zivilisten getötet, noch heute gelten mehr als 380 Stadtbewohner als vermisst.

Heute ist Vukovar renoviert. In den Wiederaufbau wurde viel Geld investiert, nach Angaben der aktuellen Regierung allein in den letzten fünf Jahren hunderte Millionen Kuna. Auf der anderen Seite wird kritisiert, dass in den vergangenen Jahrzehnten nicht viel getan wurde, um die Wunden in der Gesellschaft zu heilen. Die Spuren des Krieges sind noch immer sichtbar, etwa in Form von getrennten Kindergärten und Schulen für die mehrheitliche kroatische Bevölkerung und die serbische Minderheit. Dazu ist die Stadt, in der vor allem junge Menschen keine Perspektive sehen, von massiver Auswanderung betroffen: vor dem Kroatien-Krieg lebten in Vukovar mehr als 44.000 Einwohner, Ende 2020 schätzte das Statistikamt die Einwohnerzahl auf rund 22.000. Die Zahlen des diesjährigen Zensus sind noch nicht bekannt, man befürchtet aber, dass sie noch niedriger sein dürften.


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