„Miss Saigon“-Komponist Schönberg hält sich für „paranoid“

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Er ist nach Andrew Lloyd Webber der wohl erfolgreichste europäische Musicalkomponist, der hinter den Welterfolgen „Les Misérables“ und „Miss Saigon“ steht: Claude-Michel Schönberg. Und ganz aus den Augen lässt der 77-jährige Franzose seine Babys bis heute nicht, kam er doch für die laufenden Proben zur neuen „Miss Saigon“-Produktion im Raimund Theater eigens nach Wien - auch wenn der Lockdown den Plänen hier wie allerorts einen Strich durch die Rechnung gemacht hat.

So war die erste Preview vor Publikum im frisch renovierten Haus eigentlich am morgigen Dienstag (23. November) angesetzt. Nach jetzigem Stand streben die Vereinigten Bühnen Wien (VBW) nun an, die ursprünglich für 3. Dezember avisierte Premiere am 19. Dezember über die Bühne gehen zu lassen. Gelegenheit für ein Gespräch mit dem Komponisten, einem entfernten Verwandten des berühmten Arnold Schönberg, über die Unterordnung der Musik, über das, was er als junger Mensch für Geld zu tun bereit war, und die Frage, warum er paranoid ist.

APA: Sie haben nicht nur zwei der erfolgreichsten Musicals der Welt geschrieben, sondern auch Ballette. Die Oper hätte Sie nie gereizt?

Claude-Michel Schönberg: Die Oper und das Musical sind vollkommen getrennte Welten. Von der Entstehung über den Produktionsprozess bis zur Mentalität aller Beteiligten. Diesen Graben können nur die wenigsten überbrücken - seien das die Sänger, seien das Regisseure oder auch Komponisten. Die Oper ist stilistisch immer noch vom 19. Jahrhundert dominiert und hat mit dem Dirigenten und dem Regisseur zwei Machtzentren, zwischen denen es meist keine Kommunikation und keine wirkliche Zusammenarbeit gibt. In der Oper fokussieren sich die Sänger auf die Schönheit des Klangs, auch wenn es langsam üblicher wird, dass sie auch schauspielern. Meist jedoch stellen sie den Klang über das Erzählen einer Geschichte. Wann auch immer ich mit Opernsängern zusammengearbeitet habe, war das ein Kampf.

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APA: Auch die Versuche von Leonard Bernstein, seine „West Side Story“ mit Opernsängern zu gestalten waren nicht wirklich erfolgreich...

Schönberg: Er hat sich einfach von den Leuten damals mitreißen lassen. Aber wenn Sie sich die damaligen Aufnahmen der „West Side Story“ mit Jose Carreras und Kiri Te Kanawa anschauen - das ist ja furchtbar, was die da aufführen! Da ist kein Ausdruck, da wird keine Geschichte erzählt.

APA: Und doch haben Sie für „Miss Saigon“ mit Pierre Lotis Novelle „Madame Chrysanthème“ die gleiche Basis wie Puccini für „Madama Butterfly“ verwendet. Hatten Sie keine Angst, da stets den Vergleich aushalten zu müssen?

Schönberg: Natürlich nicht! Warum auch?! Es ist ein völlig anderes Publikum, das wir adressieren. Ich liebe Puccini und kenne sein Oeuvre praktisch auswendig. Ich sage immer, dass wir uns gleich doppelt bei ihm bedanken können. Einerseits, weil er einst das Projekt aufgegeben hat, Victor Hugos „Les Misérables“ als Oper zu schreiben, weil es ihm zu komplex erschien. Und andererseits, weil er aus „Madama Butterfly“ eine Oper gemacht hat. (lacht)

APA: Sie haben bei all Ihren großen Projekten mit Alain Boublil als Librettist zusammengearbeitet. Wie haben Sie zueinander gefunden?

Schönberg: Ich habe meine Musiklauf 1963 mit einer Rockband begonnen, für die ich Songs geschrieben habe. Ich war jung und brauchte das Geld. Ich wollte weiter zur Uni gehen. Dann hat Alain um 1967 herum einen meiner Songs im Radio gehört und Kontakt zu mir aufgenommen. Er hat mir dann erzählt, wie sehr er Musicals liebte - was für mich damals die großen Kinomusicals aus Hollywood waren. Auf der Bühne hat man so was in Frankreich nicht zu sehen bekommen. Für mich waren das also die alten Ginger Rogers & Fred Astair-Geschichten, die mich sehr gelangweilt haben - und es heute noch tun! Es gibt jetzt in London eine neue Produktion von „Anything goes“, aber die werde ich mir nicht anschauen. Ich bin jetzt 77 Jahre alt und habe keine Zeit mehr zu verschwenden.

APA: Was hat Sie dann doch vom Genre Musical überzeugt?

Schönberg: Das war, als ich „West Side Story“ im Kino gesehen habe. Damals gab es in den Kinos die Wiederholungen in Dauerschleife, weshalb ich einfach sitzen geblieben bin und den Film am ersten Tag drei Mal und am darauffolgenden nochmals drei Mal gesehen habe. Ich konnte mir damals aber nicht vorstellen, dass man das auch auf die Bühne bringen könnte - bis ich in London „Anatevka“ gesehen habe, was mich endgültig überzeugt hat.

APA: Wie lief Ihre Zusammenarbeit mit Boublil dann konkret ab?

Schönberg: Alain hatte die Idee, „Les Misérables“ als Musical zu machen. Wir haben dann beide den Hugo-Roman gelesen, darüber diskutiert und eine Art Treatment geschrieben, das ziemlich genau festlegte, was auf der Bühne passieren soll. Ich wusste also genau, welche Stimmung gerade gefragt war in einer Szene. Und ich habe dann versucht, diese Stimmung nur mit der Musik zu erschaffen.

APA: Sie haben Ihre Musik also immer ganz der Sprache untergeordnet?

Schönberg: Ich schreibe immer nach der Sprachmelodie. Es gibt keine einzige Zeile in „Miss Saigon“, die man nicht in der gleichen Geschwindigkeit auch sprechen könnte. Ich erzähle eine Geschichte durch die Musik! Das haben auch schon Mozart oder Strauss so gemacht.

APA: Das Libretto ist also bedeutender als die Partitur in Ihren Augen?

Schönberg: Das Buch als Ausgangslage ist das Allerwichtigste! Eine Show mit einem guten Buch und schlechter Musik kann zwei Jahre laufen. Eine Show mit sehr guter Musik und einem schlechten Buch ist nach einem Monat abgespielt.

APA: Sie sind nun eigens nach Wien für die Vorbereitungen der „Miss Saigon“-Premiere gereist. Was ist in diesem Falle Ihre konkrete Aufgabe?

Schönberg: Ich bin völlig paranoid. Wie alle Komponisten. Das ist wie bei einem Buch. Das kann man auf eintausend verschiedene Arten lesen. Wenn ich aber der Autor bin, will ich, dass es jeder so liest, wie ich es gemeint habe. Das ist bei einer Partitur genauso. Die kann man auf unzählige Arten interpretieren - für mich gibt es aber nur die eine! Wenn ich einmal tot bin, können sie machen, was sie wollen. (lacht)

APA: Musicals wie Opern oder Theaterstücke auf die aktuelle Zeit zu adaptieren, davon halten Sie also wenig?

Schönberg: Im Fall von „Miss Saigon“ ist es letztlich so, dass Saigon heute ganz klar Kabul entsprechen würde. Da müsste man zehn Worte ändern, und wir hätten „Miss Kabul“. Die Idioten haben über 30 Jahre nichts gelernt. In den 70ern war das alles einfacher. Es gab den Osten und des Westen, die sich gegenseitig mit ihren Raketen bedroht haben. Ich mag die Welt um mich herum derzeit nicht besonders.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)


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