Das Reina Sofía Museum in Madrid erfindet sich neu

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Wer das weltberühmte Madrider Reina Sofía Museum bereits kennt, wird von außen erst einmal nichts Neues oder Ungewöhnliches entdecken. Doch von drinnen dürfte der Besucher es kaum wiedererkennen. Fast 70 Prozent der insgesamt 2.000 ausgestellten Kunstwerke sind neu. Ein Großteil wird überhaupt zum ersten Mal öffentlich gezeigt. Am Samstag ist die Neuaufstellung erstmals fürs Publikum geöffnet.

Die großen Werke von Salvador Dalí, Pablo Picasso, Eduardo Chillida und Antoni Tapies sind natürlich geblieben. Doch ist Picassos weltberühmtes Anti-Kriegsbild „Guernica“ praktisch das einzige Werk, welches nicht umgehängt wurde.

„Unsere permanente Sammlung endete zuvor in den 1980er-Jahren. Mittlerweile sind 40 Jahre vergangen und als Museum für zeitgenössische Kunst mussten wir uns einfach aktualisieren“, stellte Museumsdirektor Manuel Borja-Villel im Gespräch mit der APA fest. Viele ältere Werke mussten denen neuer Künstler Platz machen.

Wirtschaftskrise, die Empörten-Bewegung, die Corona-Pandemie: Die Welt habe sich in den vergangenen Jahren enorm verändert und als öffentliches Museum habe man die Pflicht, den Besucher anhand der Kunst zu zeigen, in welcher Welt wir heute leben und wie sie überhaupt entstand, erklärte Borja-Villel.

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Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, wurde das Museum vollkommen umstrukturiert. Hunderte von Werken wurden aus der Dunkelheit des Museumslagers geholt, wo bis zu 25.000 Arbeiten vor sich hinschlummern. Auf zwei Etagen entstanden 21 neue Ausstellungsräume mit über 2.000 Quadratmetern. Es handelte sich um Lagerräume, Büros und Werkstätten, die zu Ausstellungsräumen umgebaut wurden.

Damit verfügt das neue Reina Sofía Museum nun über eine Gesamtausstellungsfläche von rund 15.000 Quadratmetern. Man nutzte vor allem die durch die Corona-Pandemie aufgezwungene, Monate lange Zwangspause, um die komplette Neuordnung der permanenten Exposition vorzubereiten.

„Die Sammlung. Verbindende Gefäße 1881 - 2021“ lautet das Motto der neuen Museumsstruktur. Dabei handelt es sich laut Borja-Villel eher um eine sprunghafte genealogische, als um ein streng lineare chronologische Anordnung der Werke. Gerade im 19. Jahrhundert hatte jede Kunstrichtung und Künstlerbewegung ihre ganz eigenwillige Art und Weise, die Welt darzustellen und zu interpretieren.

Vor allem aber stechen die neuen Themenkomplexe hervor, welche das Reina Sofía Museum endgültig ins 21. Jahrhundert mit aktuellsten Themen des wirtschaftlichen, politischen und sozialen Lebens katapultieren. Themen wie sexuelle Identitäten, Transgender, Migration, Exil, Städte, Umweltzerstörung, Terrorismus, Immobilienspekulation oder die vor knapp zehn Jahren just in Madrid entstandene Empörten-Bewegung werden mit Werken beleuchtet, die teilweise erst in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind und auf aktuellste Entwicklungen und Geschehnisse reagieren.

Neben diesem künstlerischen Sprung ins 21. Jahrhundert ist aber auch der neue Fokus auf Lateinamerika interessant. Spanien und die spanische Kunst seien ohne die koloniale Vergangenheit, die jüngste Geschichte Lateinamerikas und den Austausch mit lateinamerikanischen Künstlern kaum zu verstehen, erklärte Museumsdirektor Manuel Borja-Villel.

So widmet das Reina Sofía Museum in mehreren Dutzend Ausstellungsräumen den Blick auf zeitgenössische lateinamerikanische Künstler und Künstlerinnen wie Marta Minujín, die zwischen 1964 und 1987 die politischen und sozialen Umwälzungen in verschiedenen Ländern Lateinamerikas kritisch begleiteten.

Borja-Villel will aber auch zeigen, dass Lateinamerika und lateinamerikanische Kunst gleichzeitig auch ihre eigenen Wege gegangen sind. So finden Besucher im Madrider Museum für zeitgenössische Kunst auch Werke lateinamerikanischer Künstler, die sich in der Kunst der Mayas und ihren etwas anderen Blick auf die Welt und den Umgang mit der Umwelt inspirieren ließen. Damit steigt das Reina Sofía definitiv zu einem der wichtigsten internationalen Museen für iberoamerikanische Kunst auf. Für Museumsdirektor Manuel Borja-Villel bringen gerade diese Werk vielleicht den neuen Charakter des Museums auf den Punkt. „Es geht um die Frage, wie und ob wir Geschichte neu schreiben und umdenken können.“ Dabei können Museen, Kunst und die Sicht der Künstler helfen, meint Borja-Villel.

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