Nobelpreisträger Gurnah kritisiert Umgang mit Migranten hart

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Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah hat der britischen Regierung im Umgang mit Migranten unverhältnismäßige Härte vorgeworfen. „Das hat etwas ziemlich Unmenschliches“, sagte er am Dienstag in einer Online-Pressekonferenz nach seiner Ehrung in London. Damit bezog er sich auf die französische, vor allem aber auf die britische Regierung und den Streit beider Länder über Migrantinnen und Migranten, die sich auf die gefährliche Überfahrt über den Ärmelkanal machen.

Es sei merkwürdig, die Äußerungen der britischen Regierung zu verfolgen, die Schleusern und Migranten alle Schuld für die Überfahrten zuspreche, sagte Gurnah in einer vom Sekretär der Schwedischen Akademie Mats Malm moderierten und von zahlreichen technischen Schwierigkeiten begleiteten Zoom-Pressekonferenz. „Dabei werden diese Menschen mehr oder weniger zu dieser gefährlichen Art der Überquerung gedrängt.“ London weigere sich, sicherere Fluchtwege zu schaffen.

Dieser Mangel an Menschlichkeit sei deshalb besonders bemerkenswert, weil so getan werde, als hätte man keine Erfahrung mit Migranten. Das Gegenteil sei der Fall. Es gebe in regelmäßigen Abständen Migrationsbewegungen, die von Panikwellen begleitet würden, die ihm orchestriert vorkämen. Ob es früher etwa die Pakistani oder später die Osteuropäer gewesen seien - stets fände ein Othering dieser Menschen statt, das nicht zu akzeptieren sei.

Insbesondere für die harte Linie der britischen Innenministerin Priti Patel zeigte der 72-Jährige wenig Verständnis. „Die Frau, die von Dieben und Kriminellen spricht, hat selbst Eltern, die erst vor einer Generation nach England gekommen sind.“ Patels Familie hat indische Wurzeln und kam vor einigen Jahrzehnten aus Uganda ins Vereinigte Königreich.

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Migration und Flucht spielen in den Werken des diesjährigen Nobelpreisträgers eine tragende Rolle. Der 1948 auf der Insel Sansibar geborene Autor lebt seit Ende der 1960er-Jahre in Großbritannien. Von der britischen Regierung sei ihm anders als von der tansanischen Regierung bisher nicht zum Preis gratuliert worden, sagte Gurnah. „Das wundert mich auch nicht. Man nimmt mich wohl vor allem als afrikanischer Autor wahr.“ Einen Kommentar zur Monarchie wollte er nicht abgeben, um es sich mit jenen nicht zu verscherzen, die die Monarchie liebten („Sie lieben sie wohl vor allem als Soap Opera.“), das Commonwealth werde sich eines Tages vermutlich von der einstigen Weltmacht „zu einer Art Klub“ wandeln.

In der Pandemie-Bekämpfung nimmt Gurnah „eine große Ungleichheit zwischen reichen und armen Ländern“ wahr. Es sei beklagenswert, dass sich viele reiche Länder nicht mehr dabei engagierten, ärmeren Ländern Impfstoffe zu Verfügung zu stellen. China sei hier deutlich großzügiger vorgegangen.

Abdulrazak Gurnah nahm seine Medaille und Nobelpreis-Urkunde am Montag in der schwedischen Botschaft in London entgegen. Es sei „ein wunderbarer Nachmittag“ im Kreise seiner Familie, seiner Verleger und Agenten und von ein paar Freunden gewesen, schilderte er. „Ich kannte jeden von ihnen. Und ich mochte jeden von ihnen.“ Seit der Bekanntgabe der Zuerkennung des Nobelpreises habe er noch keine Zeit zum Schreiben gehabt, zu zahlreich seien die Anfragen für Interviews oder Veranstaltungsteilnahmen gewesen. Zu denen, die er angenommen hat, zählt jene vom Kölner Literaturfestival Lit.Cologne (15. bis 26. März 2022). Gurnah sei unter den prominenten Gästen des kommenden Jahres, teilten die Veranstalter am Dienstag mit.

Am Nachmittag wurde die auf Video aufgenommene Nobel-Vorlesung von Gurnah freigeschaltet. „Schreiben war schon immer ein Vergnügen“, begann der Literaturnobelpreisträger mit Erinnerungen an seine Kindheit, in der er nicht nur gerne geschrieben, sondern auch viel gelesen habe. Häufig habe sein Vater ihm befehlen müssen, das Licht auszumachen. Später in Großbritannien begann er, getrieben von Heimweh, Armut und Entfremdung, „eine andere Art von Schreiben zu betreiben. Es wurde mir klarer, dass ich etwas zu sagen hatte, dass es eine Aufgabe zu erledigen gab.“

Sowohl die Ereignisse in Sansibar, in dem Mitte der 1960er-Jahre Chaos und Gewalt herrschten, und der spätere Umgang mit diesen Erinnerungen wie auch die Reflexion über die eigenen Erfahrungen des Kolonialismus, hätten ihn von der Wichtigkeit überzeugt, darüber zu schreiben. Er sei jedoch immer mehr zur Überzeugung gelangt, „dass das Schreiben auch zeigen muss, was anders sein kann“, dass man nicht nur über Grausamkeit, sondern auch über Freundlichkeit und Schönheit schreiben müsse, ja dass diese auch mit dem Schreiben einhergehe. „Aus diesen Gründen ist das Schreiben für mich ein lohnender und fesselnder Teil meines Lebens gewesen“, schloss Gurnah. „Wie durch ein kleines Wunder ist die jugendliche Freude am Schreiben, von der ich eingangs sprach, nach all den Jahrzehnten immer noch vorhanden.“


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