„Monster“ bannen: Theater-Neustart im Burgtheater-Vestibül

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Sie wurden hin- und hergeschoben, doch die „Monster“ lassen sich nicht vertreiben. So hatte das Stück von David Greig am Sonntagnachmittag im Burgtheater-Vestibül letztlich doch zum ehestmöglichen Zeitpunkt nach dem Lockdown Premiere. Und wurde zum Beweis dafür, wie Theater für alle Altersgruppen (das Haus empfiehlt die Vorstellung für Menschen ab 13 Jahren) alle Stückln spielen kann, unterhaltsam und intelligent zugleich. Es darf wieder gelacht und nachgedacht werden.

Die 16-jährige Duck, ihr an Multipler Sklerose (MS) erkrankter Vater und ein (meist im Schrank aufbewahrtes und leider nicht auf der Bühne gezeigtes) „Ducati Monster“-Motorrad stehen im Mittelpunkt des Stücks des schottischen Dramatikers. Zwei Probleme gilt es in dem Vater-Tochter-Haushalt zu bewältigen. Die MS-Erkrankung mit ihren Schüben, die das Koordinations- und Sehvermögen des Mannes bereits stark einschränken, macht den Alltag immer schwieriger. Zudem hat Mrs. Underhill vom Jugendamt ihren Besuch angesagt. Duck befürchtet das Schlimmste: Sieht sie das Chaos in der Wohnung, kommt das Mädchen in ein Heim. Gegenstrategie: Schnell aufräumen und behördenkompatiblen Normalzustand üben! Wie aber spielt man heile Welt in einer Situation, in der alles auseinanderfällt?

Dass daraus nicht ein schwer verdauliches Problemstück wird, liegt nicht nur am Autor, der Traumwelten, in denen die „Fee der Katastrophe“ regelmäßige Auftritte absolviert, ebenso in die Handlung einbaut wie Spielewelten am Computer, in denen sich der Vater nächtelang verliert. Regisseur Felix Metzner, der den Schlussapplaus mit umgeschnalltem Baby um den Bauch absolvierte, hat auf der Mini-Bühne quirlig und einfallsreich inszeniert und verfügt über ein Quartett an Darstellern, die lustvoll die Realitätsebenen mischen. Die 24-jährige Caroline Baas vom Max Reinhardt-Seminar wechselt ansatzlos zwischen energischer Haushaltsvorständin, liebender Träumerin und künftiger Bestsellerautorin, der 26-jährige Jonas Graber von der Musik und Kunst Privatuni (MUK) überzeugt als Joker-hafte Katastrophen-Fee und als Ducks Schulkollege, der beweisen möchte, dass auch Hetero-Männer einen „Blick für gutes Design“ haben dürfen.

Ihnen zur Seite stehen Rainer Galke als MS erkrankter leidenschaftlicher Ex-Biker, dessen Frau bei einem gemeinsamen Wettrennen mit dem Motorrad ums Leben kam, und Katharina Pichler als Jugendamts-Autorität sowie als Agnetha, ein überraschender Besuch aus jener Spielewelt, in der Avatare aus aller Welt gemeinsam die wildesten Abenteuer bestehen. Da werden in einer fulminanten Szene Doppeläxte geschwungen und Maschinengewehrbrüste abgefeuert, um den Sieg des Bösen noch einmal abzuwehren.

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So erweisen sich Vater und Tochter doch noch als Bilderbuchfamilie - bloß die Bilder haben sich gegenüber früher ein wenig gewandelt. Einziger Einwand nach 90 Minuten feiner und abwechslungsreicher Unterhaltung: Der Schluss gerät nicht nur abrupt, sondern auch ziemlich moralinsauer. Die Rettung bringen Broschüren des Sozialamts? Da lachen ja die Monster...

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